Bei der WM 1966 in England dabei

Neu-Isenburger erinnert sich an ein Stück Fußballgeschichte

Joachim Heindel reist gerne. 1966 war er bei der WM in England dabei.
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Joachim Heindel reist gerne. 1966 war er bei der WM in England dabei.

Reiselust und Fußball stehen bei Joachim Heindel (76) hoch im Kurs. Und beides verbindet der Neu.Isenburger seit vielen Jahren erfolgreich. Die jüngste EM-Auflage des Klassikers Deutschland gegen England weckt bei ihm Erinnerungen an große (Fußball-)Touren.

Neu-Isenburg – Die große Fußballkarriere war Joachim Heindel versagt geblieben. „Ich stamme aus einer katholischen Familie“, schmunzelt er. Und da war der sonntägliche Kirchgang am Vormittag Pflicht – auch wenn Heindel lieber Fußball spielen gegangen wäre. „Und ich wäre sicher ein ganz Guter geworden“, sagt er. Seine fußballerische Laufbahn nahm daher nicht bei der heimischen Spielvereinigung 03 seinen Lauf, sondern in kirchlicher Obhut – bei der Kolpingfamilie. Als Pfarrer Norbert Bachus eine Fußballmannschaft gründete, war Heindel nicht nur Spieler („Ich war ein typischer Sechser“) des Teams, sondern auch Trainer, Manager – und Kassierer. Gemeinsam mit Gerd Engel war Heindel „die Seele der Mannschaft“, erklärt er. Los ging es kurz nach seiner Bundeswehrzeit – rund 30 Jahre spielte er für die Kolpingfamilie, die zeitweise als dritte Mannschaft der 03er an der Soma-Runde teilnahm.

Auch wenn er erst Anfang der 90er Jahre in den Verein eintrat – „die 03er“, sagt Heindel, „sind mein Verein“. Zumindest bei den Amateuren. Bei den Profis gilt seine Liebe schon immer dem 1. FC Nürnberg und dem Karlsruher SC. „Der Club“, erklärt er, „war damals, als ich ein Jugendlicher war, die Nummer eins“. Neunmal holten die Franken zwischen 1920 und 1968 die Deutsche Meisterschaft und waren viele Jahre lang deutscher Rekordhalter – erst 1987 zog Bayern München gleich. „Wenn man sich einmal einen Verein ausgesucht hat, bleibt man dem treu. Auch in schlechten Zeiten“, erzählt Heindel, der 40 Jahre lang als Maschinenschlosser sein Geld verdiente.

Wenn die Jungs früher auf dem Kleinfeld kickten, war er allerdings immer Berni Termath, der von 1955 bis 1960 beim KSC kickte – „die Nürnberger Stars waren körperlich ganz anders gebaut als ich“, begründet Heindel seine Wahl.

1966 machte er seine erste große Fußball-Tour: zur WM nach England. Die Idee entstand gemeinsam mit seinem Freund Wolfgang Freydank in der Kneipe „Tortuga“. „Wolfgangs Vater hatte in unserer Straße ein Gemüsegeschäft“, erinnert sich Heindel. Also fuhren die beiden jungen Männer eines frühen Morgens mit dem Vater in die Großmarkthalle nach Frankfurt – ein niederländischer LKW-Fahrer nahm sie schließlich mit bis nach Hoek van Holland (heute ein Stadtteil Rotterdams), von dort ging es mit der Fähre weiter nach Dover.

Die Fähre war allerdings schon ausgebucht, die beiden Abenteurer schliefen auf einer Couch im Schiff. „Die war genauso teuer wie eine Kabine“, erzählt Heindel. Per Anhalter ging es anschließend von Dover nach London. „Und dann kam London und hat überhaupt nicht mehr aufgehört. Dagegen ist Frankfurt ein Nest“, stellte er damals beim Anblick der Mega-Metropole fest. Geschlafen wurde zunächst in einer Sportschule. „London war teurer als erwartet, wir hatten vom Leben ja keine Ahnung. Nach drei Tagen waren wir blank“, erzählt der Isenburger.

Die Notgroschen hielten allerdings doch noch eine Weile. Die beiden erlebten das US-Folk-Rock-Duo Simon & Garfunkel live, dann ging es zum ersten Spiel der deutschen Mannschaft gegen die Schweiz (5:0) nach Sheffield. „Wir hatten Schlafsäcke dabei, geschlafen haben wir mittlerweile auf Campingplätzen oder in Parks“, erzählt Heindel angesichts der Ebbe in der Finanzkasse.

Und auch beim 2:1-Sieg der DFB-Auswahl in Birmingham gegen Spanien mit dem Zaubertor von Lothar „Emma“ Emmerich zum zwischenzeitlichen 1:1 waren die beiden Isenburger im Stadion. Ein mögliches Autogramm des Frankfurter Nationalspielers Jürgen Grabowski lehnte Heindel anschließend allerdings ab: „Nein, Du bist ein Eintrachtler!“

Weil die Kasse leer war, mussten sich die beiden schließlich Gedanken über die Heimreise machen. „Bis zum Finale zu bleiben, das war nicht möglich“, erinnert sich Heindel. Per Anhalter und Fähre ging es zurück in die Niederlande, anschließend erneut per Anhalter Richtung Köln. Zu zweit war es schwierig, eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen, also schlugen sich die Isenburger getrennt bis nach Hause durch. „Ich bin vom Mönchhof-Dreieck bis zur Gehspitz gelaufen. Dann wollte mich ein Autofahrer mitnehmen. Dem habe ich gesagt, dass ich jetzt den Rest auch laufen kann“, schmunzelt Heindel.

Als er im „Tortuga“ ankommt, ist Kumpel Wolfgang schon lange da. „Das hat mich eine Runde gekostet“, erinnert sich Heindel. Für ihn blieb in diesem kleinen Wettstreit nur der zweite Platz – wie später auch für die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in England.

Weitere verrückte Touren standen an – auch ohne Fußball. Mit Kumpel Georg Hagemeier „wollte ich mal die Bardot sehen und bin an die Cote d‘Azur gefahren“, sagt Heindel. In Basel trank er sein erstes alkoholfreies Bier. Die französische Mittelmeerküste fanden beide Isenburger toll, die berühmte Filmschauspielerin bekamen sie jedoch nicht zu Gesicht. Zudem ging es ein halbes Jahr quer durch die USA mit einem Abstecher nach Kanada.

Die Reiselust und der Spaß am Sport sind bis heute geblieben. Der Mitgründer des Isenburger TC absolvierte insgesamt 33 Marathons (für den Lauftreff Neu-Isenburg), kegelt – „das sind sechs Paare und die Männer sind alle noch mit der ersten Ehefrau verheiratet“, sagt Heindel, der vor über 50 Jahren seine Ingrid heiratete und eine Tochter hat – und einmal im Jahr eine Woche lang in geselliger Männerrunde wandert. „Immer in Deutschland, so lernt man das Land kennen“, sagt er. Kaum Rentner, legte er alleine den Jakobsweg nach Santiago de Compostela zurück. Und aktuell wird im Winter regelmäßig gelaufen, im Sommer jeden Dienstag in geselliger Runde Rad gefahren.

Von Patrick Leonhardt

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