Die Wirtschaftspaten sind gefragt

Auf der Suche nach Chefs von morgen

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Wertvoller Erfahrungsschatz im Doppelpack: Die Wirtschaftspaten Helmut Eikelmann (links) und Jörg-Bodo Krüger.

Neu-Isenburg - Er ist Wegweiser und Unterstützer: Seit mehr als vier Jahren teilt Jörg-Bodo Krüger als Wirtschaftspate seinen Erfahrungsschatz mit Isenburger Unternehmern. Und Leuten, die erst noch welche werden wollen.

Auch die Begleitung beim Thema Unternehmensnachfolge werde als Arbeitsfeld immer wichtiger, berichtet er. Aktuelles Beispiel für einen Erfolg: das Café Balico. Wer ein Unternehmen führt oder darüber nachdenkt, sich selbstständig zu machen, hat unzählige Aufgaben zu bewältigen und muss auf zig Gebieten kompetent sein. Doch wer ist schon ein Alleskönner? Wo es Lücken gibt, Rat vonnöten ist oder Probleme auftauchen, da helfen Wirtschaftspaten wie Jörg-Bodo Krüger ehrenamtlich weiter.

Im März 2014 hat alles begonnen: Damals starteten die ersten kostenlosen Sprechstunden der Wirtschaftspaten für Unternehmer im Isenburger Rathaus. „Wirtschaftspaten“, das ist ein hessenweit tägiger Verein, der 40 aktive Mitglieder zählt und in erster Linie im Rhein-Main-Gebiet agiert. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie ehrenamtlich tätig sind und das Berufsleben hinter sich gelassen haben. In ihrem Ehrenamt haben die ehemaligen Unternehmer und Führungskräfte aus Industrie-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen sich der Unterstützung von klein- und mittelständischen Unternehmen verschrieben sowie von Gründern und Pensionären, die ihre Firma an die nächste Generation übergeben wollen.

Mit wenigen Ausnahmen durch Feiertage oder Ferienzeiten stand der für Isenburg zuständige Wirtschaftspate, Jörg-Bodo Krüger, seither an jedem ersten Dienstag im Monat für alle Ratsuchenden zur Verfügung. „Aufgrund der vielen positiven Rückmeldungen und der anhaltenden Nachfrage gehen die Sprechstunden nun in das fünfte Jahr“, freuen sich Krüger und Wirtschaftspaten-Kollege Helmut Eikelmann gestern zu berichten.

Rund 60 Beratungen haben in den vier Jahren in Neu-Isenburg stattgefunden. „Diese Zahl zeigt doch, dass der Bedarf da ist“, freut sich auch Bürgermeister Herbert Hunkel über das Zusatzangebot für Isenburger Unternehmer. Es gehe ja auch um sehr viel, betont der Rathauschef, „die Gespräche drehen sich ja nicht um die Frage, wohin der nächste Urlaub führen soll, sondern es geht um Lebensplanung“. Durch das Beratungsangebot werde das Portfolio der städtischen Wirtschaftsförderung optimal ergänzt.

Der Mann, der in Isenburg als Pate bereitsteht, hat als Führungskraft jahrzehntelange Erfahrung, von der andere profitieren können. Der 72-jährige Jörg-Bodo Krüger war Geschäftsführer einer Unternehmensberatung und hat selbst einige Firmen gegründet. Neben der ehrenamtlichen Aufgabe, die er in Isenburg übernommen hat, unterstützt der Wirtschaftsexperte innovative, wissensbasierte Gründerteams aus der Frankfurt University of Applied Sciences, einem Partner des „Cross Innovation Netzwerks“ im „Standort Plus“-Programm des Kreises Offenbach.

Einschränkungen gibt es nicht. Die persönlichen Sprechstunden richten sich an alle interessierten und Rat suchenden Unternehmer, Existenzgründer, Einzelhändler und Gastronomen in Neu-Isenburg. „Bei den Existenzgründungen stehen die Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Start, wie auch alle damit zusammenhängenden praktischen und individuellen Fragen der Durchführung im Vordergrund“, berichtet Krüger.

Die Beratung von kleinen und mittelständischen Betrieben zur Unternehmenssicherung drehe sich häufig um betriebswirtschaftliche Fragen, aber auch um Vertrieb und Marketing, Budgetierung und Preiskalkulation, Finanzierung und Rentabilität. Oft würden auch Fragen zur zukunftsorientierten Aufstellung des Unternehmens aufgrund der Marktveränderungen und zur Unterstützung in Krisenfällen behandelt.

Zunehmend an Bedeutung, so berichtet auch Helmut Eikelmann, Vorstandsvorsitzender des Vereins, gewinne das dritte große Thema Unternehmensnachfolge, da immer mehr Unternehmer das Ruhestandsalter erreichen. „Allein in Hessen steht in den nächsten zwei oder drei Jahren bei 10.000 Unternehmen die Nachfolge an, wo nicht geklärt ist, wie es weiter geht“, berichtet Eikelmann von „einer Zahl, die uns sehr umtreibt“. Oft fehle die Option einer familiären Nachfolge. Schwierig gestalte sich beispielsweise häufig die Suche nach einem Nachfolger für Einzelhandelsgeschäfte in Innenstädten.

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Umso mehr freut sich Krüger, von einer gelungenen Nachfolge eines seit 25 Jahren bestehenden Traditions-Cafés in Neu-Isenburg berichten zu können, die er vergangenes Jahr begleitet hat: die Rede ist vom Café Balico. Viele Isenburger sind dort schon ein und aus gegangen. Und Leute, die als Kids von ihren Müttern in den 1990ern mit ins Balico genommen wurden, wurden später selber Stammgäste.

Als die Betreiber der kultigen Lokalität in der Bahnhofstraße im August 2017 aus Altersgründen aufhörten, half der Wirtschaftspate bei der Suche nach einem Nachfolger – und unterstützte, als eine neue Betreiberin gefunden war, diese bei Übernahme und Finanzierung. Und die Sache sei offenbar gelungen, freut sich Krüger: „Wenn man sich die Bewertungen im Internet so anschaut, die sind wirklich gut und es läuft sehr gut“. Nicht immer laufe alles so glatt bei einer Unternehmensnachfolge, „aber das Balico ist ein Beispiel für eine gelungene Übergabe“.

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Allgemein sei eine rechtzeitige Planung bei diesem Thema sehr wichtig, um ein Unternehmen bei einem Führungswechsel weiter am Markt zu halten. Da dieser Prozess durchaus mehrere Jahre dauern kann, raten die Wirtschaftspaten zu einem rechtzeitigen und schrittweisen Vorgehen und bieten ihre Unterstützung an. (hov)

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