Isenburger züchtete 154 Cannabispflanzen

Marihuana-Pflanzer zeigt vor Gericht Reue

Neu-Isenburg - Weil Tabletten gegen seine Schmerzen nicht ankamen, beschloss ein Isenburger, sich mit dem Anbau von Betäubungsmitteln selbst zu helfen: Polizisten entdeckten im Garten des heute 65-Jährigen eine Drogenplantage mit 154 Cannabispflanzen. Von Stefan Mangold 

Der Mann zeigt vor Gericht Reue. Richter Manfred Beck verurteilt ihn zu acht Monaten Gefängnis auf Bewährung plus Geldbuße. Es ist der dritte Prozess, den Richter Manfred Beck am Donnerstag in Offenbach führt. Bis dahin verstehen die Angeklagten die Welt und vor allem den Grund nicht, warum sie hier sitzen. Nach der Mittagspause erscheint der angeklagte Neu-Isenburger mit seinem Verteidiger Mario Galvano. Und dieser Angeklagte gibt nicht nur alles zu, sondern hadert auch mit sich: „Was war ich nur für ein Idiot.“ Der Staatsanwalt wirft ihm vor, in seinem Garten 154 Marihuana-Pflanzen gezüchtet zu haben. Die wogen 1,6 Kilo und brachten es auf einen Gehalt von 26,41 Gramm an Tetrahydrocannabinol (THC). Das ist der Stoff, der für den Rausch sorgt.

Bei einem solchen Delikt sind es Richter gewohnt, über junge Männer – vielleicht in den Zwanzigern – ein Urteil zu sprechen. Aber als der Angeklagte zur Welt kam, regierte Adenauer erst zwei Jahre. Der 65-Jährige wirkt zudem nicht, als sei er in einen sprudelnden Jungbrunnen gefallen. Das dürfte mit seiner Krankheit zusammen hängen. Der Mann kämpft seit Jahrzehnten gegen Rückenschmerzen. Als ob das nicht reichte, brach er sich vor ein paar Jahren bei einem Sturz zwei Lendenwirbel. Wäre das nicht geschehen, säße der Freiberufler jetzt womöglich zu Hause am Schreibtisch und nicht neben seinem Strafverteidiger. Der Angeklagte erzählt von einer Spritze gegen die Schmerzen, die nicht den gewünschten Effekt gebracht habe, sondern zum Gegenteil führte. Zusätzlich drückten ihm noch der Kiefer und der Kopf. In manchen Phasen habe er vier bis fünf Tabletten pro Tag genommen. Schließlich hörte er von der Schmerz lindernden Wirkung von Marihuana und besorgte sich ein paar Gramm. Das half.

Dem Vater erwachsener Kinder ist ohnehin ein Sinn für Flora eigen. In seinem Garten baut er allerhand Gemüse an. Beim Kürbis bewies er allerdings einen grüneren Daumen als beim Cannabis. Die meisten Pflanzen seien unbrauchbar gewesen, erklärt der Angeklagte. Außerdem deutet der relativ niedrige THC-Gehalt nicht unbedingt auf fein justierte Methoden hin. Doch die 154 polizeilich gerupften Gewächse hören sich zumindest nach Teilzeitgewerbe an. Richter Beck spricht von drei Pflanzen, die in den Niederlanden unter Produktion für die eigene Tüte fallen. Wieder ist der redselige Isenburger um keine Antwort verlegen. Seine Begründung klingt nach dem Refrain der Nachkriegszeit: „Weggeschmissen wird nichts.“ Es sei nur ein Esslöffel von Samen gewesen, den habe er komplett in der Erde versenkt. Von der Arbeit sei er es gewohnt, alles gründlich zu erledigen. „Eben typisch deutsch“, nennt das Mario Galvano in seinem Plädoyer.

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Nachbarn hatten die Plantage schon länger entdeckt, doch erst die Polizei gerufen, als sie den Angeklagten sahen, wie er mit einem jungen Mann durch den Garten wandelte. „Aus Angst, er verderbe die Jugend“, zitiert Richter Beck aus der Athener Anklage gegen Sokrates. Der Angeklagte spricht von einem „Riesenfehler, überhaupt jemanden durch den Garten geführt zu haben“. Den Mann kenne er aus dem Sportverein. Mit Cannabis habe der nichts am Hut. Apologeten des freien Kiffens bekommen in ihm keinen Mitstreiter. Der Isenburger erzählt zwar von der hilfreichen Wirkung, was seine Schmerzen betrifft, spricht aber auch die Kehrseite an: „Ich hatte keine Ahnung, wie schnell das Zeug süchtig macht.“ Der 65-Jährige resümiert: „Alter schützt vor Torheit nicht.“

Für den Angeklagten spreche seine – wenn auch widersprüchlich dokumentierte – Krankengeschichte, begründet Richter Beck das Urteil. Außerdem sei er nicht vorbestraft, wirke glaubhaft und erscheine sicher nie wieder vor dem Schöffengericht. Mit acht Monaten Gefängnis auf Bewährung plus 1000 Euro Spende an das Suchthilfezentrum Wildhof kommt der Isenburger davon. Der Staatsanwalt forderte ebenfalls acht, der Verteidiger hielt sechs für genug. Er nehme das Urteil an, sagt der Mann postwendend: „Danke.“

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