Veronika Leukroth lässt sich von heimtückischer Krankheit nicht unterkriegen

Neu-Isenburgerin will mehr Aufmerksamkeit für ALS

Die Mit-Gründung des Isenburger Tennisclubs (ITC), dessen Geschäftsführerin sie 25 Jahre lang war, war das größte Baby in einer sehr langen Reihe von ehrenamtlichen Engagements von Veronika Leukroth, die sich für junge und ältere Mitbürger gleichermaßen einsetzt. Hier ist sie mit Tochter Katrin vor dem Vereinshaus zu sehen.
+
Die Mit-Gründung des Isenburger Tennisclubs (ITC), dessen Geschäftsführerin sie 25 Jahre lang war, war das größte Baby in einer sehr langen Reihe von ehrenamtlichen Engagements von Veronika Leukroth, die sich für junge und ältere Mitbürger gleichermaßen einsetzt. Hier ist sie mit Tochter Katrin vor dem Vereinshaus zu sehen.

Diagnose: ALS. Veronika Leukroth versucht, mit der heimtückischen Krankheit normal zu leben, die vor sechs Jahren durch die „Ice Bucket Challenge“ bekannter wurde. Sie unterstützt nun die Aktion „#10000-vs-ALS“, die auf die Krankheit aufmerksam machen und Spendengelder für deren Erforschung sammeln soll.

Neu-Isenburg – Es gab viel Tage von besonderer Bedeutung im Leben von Veronika Leukroth, doch den 8. September 2014 wird sie nicht vergessen. „Wir hatten uns wieder mal zu einem lockeren Damen-Tennisdoppel auf der Anlage des Isenburger Tennisclubs getroffen, doch als ich einmal den Ball zurückschlagen wollte, fiel mir der Schläger einfach aus der Hand“, beschreibt die Isenburgerin, die sich seit Jahrzehnten auf vielen Feldern ehrenamtlich engagiert, das „Initialerlebnis“ ihrer ALS-Erkrankung. „Die anderen fanden die Situation recht lustig, es sah ja auch so unbeholfen aus – doch ich wusste, da stimmt was nicht, denn der Arm gehorchte mir nicht mehr.“

Eine erste Konsultation bei einem Physiotherapeuten brachte keinen Befund. „Als er mir sagte, dass er mich zu einem Neurologen schicken will, dachte ich, der spinnt, was soll ich dort“, erzählt Leukroth. Doch der Neurologe fand keine greifbaren Erkenntnisse, also suchte Leukroth im Internet, anhand ihrer Symptomatik, nach möglichen Stellen, die ihr helfen könnten – und kam so an das Institut für Klinische Neuroimmunologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU).

„Dort sind nach zahlreichen Untersuchungen erstmals die Worte ALS gefallen“, erinnert sich Leukroth. Nach „unendlichen“ Recherchen im Internet war für sie – und auch für ihre Familie – recht klar, was diese Diagnose bedeutete.

Amyotrophe Lateralsklerose. Drei Buchstaben. ALS. Die Patienten verlieren die Kontrolle über ihre Muskeln. Hände, Arme und Beine sind meist zuerst gelähmt. Dann folgen die Stimmbänder, später setzen Schluckfunktion und Atmung aus. Der Körper schläft ein, das Bewusstsein bleibt wach. ALS ist bislang nicht heilbar.

Es gibt in der Geschichte der Menschheit immer wieder schicksalhafte Krankheiten. Man denke nur an die Pest, an HIV oder an die Krebserkrankungen – und nicht zuletzt an Corona. Glücklicherweise ist die Pest Geschichte, was HIV und Krebs betrifft, werden größte medizinische Forschungsanstrengungen unternommen – erste größere Erfolge sind nachweisbar. Doch was ist mit ALS? Vor rund sechs Jahren erregte diese heimtückische Krankheit durch die „Ice Bucket Challenge“ große Aufmerksamkeit und generierte Millionenbeträge für die Erforschung und mögliche Heilungsmethoden. Es war ein kurzfristiger Hype im Sommer 2014, doch die anfängliche Euphorie ist wieder verflogen. „Wieso habe ich ALS und nicht eine Krebserkrankung, dann stünden die Chancen auf Heilung wenigstens fifty fifty – und so gleich null.“ Diese harte Feststellung traf Veronika Leukroth – sie ist an ALS erkrankt. Die seit jeher agile Neu-Isenburgerin, die sich insbesondere auch ehrenamtlich vielerorts engagierte, war die Nachricht „Sie haben wahrscheinlich ALS“ ein fürchterlicher Schock. Doch nur zunächst. Sie ergab sich nicht ihrem Schicksal, sondern nahm es an und lebt weiter, so gut es ihr möglich ist.

Für alle in der Familie sei es nach der Diagnose „ein recht schweres erstes halbes Jahr mit viel Geheule“, gewesen, „denn jeder wusste, es wird keine Besserung geben, sondern eine stetige Verschlechterung“, erklärt Tochter Katrin Leukroth die familiäre Situation. Doch Veronika Leukroth, die schon so viele „verrückte Dinge“, gemacht hat, wie es ihre Tochter beschrieb, wollte sich auch von ALS nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Bestimmte Muskelpartien, insbesondere die Arme und Beine, gehorchten immer weniger der Kommandozentrale aus dem Gehirn der an ALS erkrankten Isenburgerin.

So erinnert sich Leukroth noch an den Versuch, beim Versorgungsamt einen Rollstuhl zu beantragen. „Hawwe Sie Ihre Beine noch?“, fragte sie der ältere Herr. „Und ich sagte, ja, die habe ich noch, aber die folgen mir nicht mehr, die baumeln nur noch herum.“ Dann kam die Antwort zurück: „Wieso brauche Sie dann einen Rollstuhl?“.

„Freilich haben wir im Familienkreis beraten und abgestimmt, was geht, was gehen könnte – aber auch was nicht mehr gehen wird“, schildert Leukroth die neue Situation. Dies betraf auch ihre erneute Kandidatur bei der Kommunalwahl für die Liste der CDU. „Solange es geht, wollte ich mich weiterhin in die Gesellschaft einbringen, ich bin ja auch weiterhin ins Altersheim gefahren, um dort die Bewohner zu betreuen“, beschreibt Leukroth ihren Lebenswillen. Dies geht aber alles nur mit der „stets verfügbaren“ Familie – allen voran Tochter Katrin.

Aber in einer Hinsicht hadert sie dennoch mit ihrem Schicksal. „Wenn in Sachen ALS genau so viel geforscht worden wäre wie bei HIV oder jetzt bei Corona, gäbe es sicherlich schon Heilungschancen“, betont die Isenburgerin, die, wie sie selbst sagt, „schon überfällig“ ist. Aber es gibt aus ihrer Sicht wohl noch zu wenig ALS-Erkrankte, damit sich eine Forschung „lohnen“ würde.

Um genau jene Verstärkung der Bemühungen zur Erforschung von ALS zu erreichen, geht Veronika Leukroth nun mit ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit. „Mir geht es mit dieser nur Aktion darum, mehr Aufmerksamkeit auf diese gemeine Krankheit zu lenken. Es muss doch möglich sein, irgendwann einmal den Ursprung und die Krankheit an sich zu erforschen. Ich weiß, mir wird dies nichts mehr bringen, aber nachfolgende Generationen sollten nicht dies durch machen müssen, was ich durchmache“, setzt Veronika Leukroth einen nachdenklichen Schlusspunkt.

Die Isenburgerin berichtet von zwei jungen Männern, die im Internet nun die Challenge „#10000-vs-ALS“ ins Leben gerufen haben. Es geht ihnen dabei darum, mindestens 10000 Fotos mit drei Fingern zu sammeln, um so Aufmerksamkeit für die Krankheit zu erhalten und Spendengelder für deren Erforschung zu sammeln. Diese beiden jungen Männer hat die Isenburgerin durch ALS-Gruppen auf Facebook und Instagram kennengelernt. „Mehr als Aufmerksamkeit können wir nicht machen – ein vielleicht kleiner Funken Hoffnung“, sagt sie.

Von Leo F. Postl

Im Netz läuft die Challenge #10000-vs-ALS“: Es geht den Initiatoren darum, mindestens 10 000 Fotos mit drei Fingern zu sammeln, um so Aufmerksamkeit zu erhalten.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare