Mit viel Weitsicht

70 Jahre Gewobau: Jubiläum mit Mietern der ersten Stunde

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Zwei Modernisierungen hat Familie Leichum seit 1953 in der Wilhelm-Leuschner-Straße 140 miterlebt.

Am 21. März 1949, also genau vor 70 Jahren, wurde die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gewobau gegründet – und blickt auf erfolgreiche Jahrzehnte zurück.

Neu-Isenburg – Mieter der ersten Stunde berichten anlässlich des Jubiläums gestern in der Magistratspressekonferenz von den Anfangsjahren. Denn es gibt Leute, die bleiben der Gewobau mehrere Jahrzehnte oder gar ihr gesamtes Leben lang treu. Emmi Langer und Klaus Leichum zum Beispiel. Beide leben seit Anfang der 1950er Jahre in Wohnungen der Gesellschaft.

Als er mit 14 Jahren im Dezember 1953 mit Mutter und Bruder einzog in die knapp 60 Quadratmeter große Zweieinhalb-Zimmer-Bleibe in der Wilhelm-Leuschner-Straße 140 („ein Erstbezug“), da habe die Miete 55,50 D-Mark gekostet, erzählt Leichum, „plus zwei Mark Wassergeld“. Ein zweiter Bruder zog später dazu. Gekocht wurde auf dem Kohleofen in der Küche. Der 80-jährige Klaus Leichum ist der Sohn des im Sommer 1941 im Krieg gefallenen Ausnahme-Leichtathleten Wilhelm Leichum, der seine Karriere beim Turnverein 1861 begann und bis heute als international erfolgreichster Neu-Isenburger Sportler gilt. Und so waren es denn auch Mitglieder des TV, die die Familie Leichum, die zwischenzeitlich in Berlin und dann in der Nähe von Bayreuth lebte, zurück in die Hugenottenstadt holten.

Mieter fast von Anfang an: Gewobau-Geschäftsführer Stephan Burbach, Bürgermeister Herbert Hunkel (von links) und Erster Stadtrat Stefan Schmitt (rechts) bedankten sich gestern - stellvertretend für viele weitere Bürger - bei treuen Bewohnern wie dem 80-Jährigen Klaus Leichum, der mit 14 mit seiner Familie einzog.   

Die Wilhelm-Leuschner-Straße 140 blieb von 1953 bis heute das Zuhause der Familie. „Meine Brüder gingen zwar später ins Ausland, einer nach San Francisco, einer nach Kenia, aber sie kamen jedes Jahr wieder zu Besuch zurück in die Wohnung“, erzählt Leichum. Zwei Modernisierungen hat er über die Jahrzehnte miterlebt – und der nachgerüstete Balkon, den er anfangs gar nicht wollte, gefalle ihm heute doch sehr gut, erzählt er. Folglich denkt er jetzt auch nicht über einen Umzug nach an eine für ihn besondere Adresse: die jüngst nach seinem Vater benannte Wilhelm-Leichum-Straße im Baugebiet Birkengewann, in der die Gewobau derzeit 72 Mietwohnungen und 24 Reihenhäuser baut.

Rückblende zu den Anfängen. Zerstörung, Flucht, Vertreibung – am Ende des Zweiten Weltkriegs war Wohnraum Mangelware, auch in Neu-Isenburg. „Gegründet wurde die Gesellschaft zur Bekämpfung der dramatischen Wohnungsnot“, berichtet Stephan Burbach, der seit gut zehn Jahren Geschäftsführer der Gewobau ist. „Da wurde mit viel Weitsicht nach dem Krieg gearbeitet“, ergänzt Bürgermeister Herbert Hunkel. „Wir sind alle dankbar, dass wir die Gewobau haben, ohne die hätte Neu-Isenburg viele Probleme nicht lösen können.“

Die Stadt hatte zunächst einen 59,8 Prozent großen Anteil, hinzu kam die Beteiligung eines handwerklichen und industriellen Verbunds. Über die Jahrzehnte vergrößerte sich der Anteil der Stadt an der Gesellschaft auf heute 96,93 Prozent. Weitere Gesellschafter sind derzeit Du Pont de Nemours Deutschland GmbH, die Erbengemeinschaft Louis Köhler („Küchen Köhler“), Klaus D. Kern, die Erbengemeinschaft von Werner Wessinger und Marianne Butzer.

Name und Zweck der Gesellschaft bleiben erhalten

Die Anerkennung der Gesellschaft als gemeinnütziges Wohnungs- und Siedlungsunternehmen erfolgte durch die hessische Landesregierung, bis das Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz 1990 aufgehoben wurde, „sodass die Gewobau seitdem nicht mehr von steuerlichen Vorteilen profitieren kann und ihren Bestand wie jedes andere Wohnungsunternehmen bewirtschaften muss“, wie der Magistrat erklärt. Der Name der Gesellschaft und ihr Zweck, „die Bürger der Stadt mit preiswertem Wohnraum zu versorgen“, seien aber unverändert erhalten geblieben.

Das erste Haus der Gewobau, Rheinstraße 5, wurde im Dezember 1949 bezogen. Bis Ende 1958 wuchs der Bestand auf 826 Wohnungen an. Zusammen mit der Nassauischen Heimstätte GmbH wurden in der Folgezeit neue Wohnhäuser errichtet. Der Wohnungsbestand erhöhte sich bis Ende 1988 auf 1834.

1993 wurden die Häuser Friedhofstraße 22 bis 32 aufgestockt. Auf diese Weise konnten 24 neue, öffentlich geförderte Wohnungen geschaffen werden, ohne weitere Flächen zu bebauen. Die Gewobau habe so damals schon die bessere Ausnutzung der vorhandenen Grundstücke umgesetzt, die aktuell in Deutschland wieder in der Diskussion sei, um mehr Wohnraum zu schaffen.

„Ende des Jahres 2018 umfasste der Bestand in den drei Isenburger Stadtteilen insgesamt 2504 Wohnungen und 32 Gewerbeobjekte“, so Burbach. Auf die energetische Modernisierung werde dabei sehr viel Wert gelegt. So seien beispielsweise im Zeitraum von 2006 bis 2018 Modernisierungen an 2232 Wohnungen in 217 Häusern vorgenommen worden.

Wertvoll sei auch, so ergänzt der Rathauschef, dass die Gesellschaft „alles, was die Stadt so an Räumlichkeiten braucht“, im Portfolio habe – wie Seniorenwohnanlagen, Beratungsstellen, Orte für Kinderbetreuung.

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Und heute? 70 Jahre nach der Gründung ist der Wohnraum in der Region wieder knapp. Bezahlbarkeit, demografischer Wandel, Wohnen im Alter – die Herausforderungen in der Wohnungswirtschaft sind groß. Die Arbeit wird den 67 Mitarbeitern, die den Bestand der Gewobau verwalten (darunter 16 in Teilzeit oder geringfügig beschäftigt), also auch künftig nicht ausgehen.

Ein Hauptaufgabenfeld ist derzeit das Neubaugebiet Birkengewann: Ab April werden dort 72 Mietwohnungen bezogen. „Dreiviertel der einziehenden Mieter stammen aus Neu-Isenburg“, berichtet Burbach. In der direkten Nachbarschaft wird weiterhin an 24 Reihenhäusern der Gesellschaft gebaut, die im Jahr 2018 vollständig verkauft wurden.

Derzeit werden weitere 89 Mietwohnungen an der Offenbacher Straße 149-153 und 161-167 errichtet und in Kürze beginnt der Bau von 37 Eigentumswohnungen in der Anny-Schlemm-Straße. Ein weiteres Großprojekt ist dann der Bau von Wohnungen im Stadtquartier Süd. Wie viele Wohnungen genau dort entstehen, kann Burbach derzeit noch nicht sagen, „es werden aber rund 250 sein“.

Von Barbara Hoven

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