Stadtspaziergang mit Heidi Fogel

Historikerin zeigt Neu-Isenburgs unbekannte Seiten

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Bei einem Stadtspaziergang mit Historikerin Heidi Fogel lässt sich Vieles entdecken. Hier ist die Autorin des Neu-Isenburger Geschichtsbuchs am Calvin-Stein auf dem Calvinplatz zu sehen.

Neu-Isenburg - Es ist das erste Geschichtsbuch, das Isenburgs Historie von Beginn an bis ins Heute beleuchtet: Dr. Heidi Fogel hat für ihr mit großem Aufwand recherchiertes Werk, das nun bereits in zweiter Auflage erschienen ist, viel Lob gehört.

Die Lektüre macht auch Lust darauf, wenig bekannte Ecken Isenburgs zu erkunden und Hintergründe kennenzulernen. Ein Stadtspaziergang mit der Autorin. Unzählige Menschen träumen davon, die Schönheiten und bedeutsamen Bauwerke der Welt kennenzulernen. Doch dabei kennen viele nicht einmal die Besonderheiten ihrer direkten Umgebung. Dazu steht selbst die Isenburgerin Dr. Heidi Fogel, berufene Kennerin ihrer „neuen Heimat“ Neu-Isenburg. Mit der nun veröffentlichen zweiten Auflage ihres unter großem Aufwand recherchierten „Neu-Isenburger Geschichtsbuchs“ legt sie wieder einmal ein beredtes Zeugnis davon ab, dass man nicht alles kennen und wissen kann. Das Werk ist mitnichten nur eine trockene Ansammlung von Fakten, sondern ein lebendig verfasstes „Lesebuch“ zur Entwicklung der noch relativ jungen Siedlung Neu-Isenburg bis zur heutigen Stadt mit 39.000 Einwohnern.

Der Neu-Isenburger Architekt Ernst Balser (1893 bis 1964) erfand erstmals Fertigbauteile für die Firma Hochtief.

„Ich gehe, wo und wann es immer möglich ist, zu Fuß durch die Stadt und entdecke dabei selbst immer wieder etwas, was mir bisher nicht bekannt war oder an dem ich achtlos vorüberging“, berichtet Fogel von ihren Stadtspaziergängen. Dabei zeigen sich manch interessante Objekte recht offen, doch kaum jemand kennt den besonderen geschichtlichen Hintergrund. Gerade diese bisher unerkannten „Geheimnisse“ versteht die Historikerin so in Worte zu fassen, dass das Interesse an den historischen Hintergründen beim Durchblättern des Geschichtsbuchs schnell geweckt ist.

Wer kennt den Calvin-Stein und wo ist er zu finden? Welche amtlichen Vorgänge mögen sich wohl im bescheidenen Fachwerkhaus am nördlichen Ende der Frankfurter Straße abgespielt haben? Und was hat es mit dem Balser-Haus auf sich? Oder wo wurde das erste Hochhaus in Neu-Isenburg gebaut? Auf all diese Fragen gibt das von Fogel im Auftrag des Vereins für Geschichte, Heimatpflege und Kultur (GHK) verfasste Buch fundiert Antwort.

Da ist zum Beispiel der Calvin-Stein auf dem Calvinplatz: Am 7. Dezember 1955 hatte die Stadtverordnetenversammlung der Benennung eines neu zu schaffenden Platzes im (damaligen) Westen der Stadt in „Calvin Platz“ zugestimmt. Dieser wurde am 20. Oktober 1959 eingeweiht. Als besondere Würdigung an den Reformator wurde ein unbehandelter Findling aufgestellt, der nur die fünf Buchstaben „Calvin“ und dessen Geburts- und Todesdatum trägt. Calvin hatte schon zu seinen Lebzeiten in einem 1552 an die Hugenottengemeinde in London gerichteten Schreiben verfügt: „Man möge aus mir keinen Götzen machen und aus Genf kein Jerusalem.“ Das Grab von Calvin ist nicht bekannt, zum 500. Geburtstag (2009) fand am Calvin-Stein dort eine Gedenkfeier statt.

Dieses Haus mit drei Riegeln steht an der Ecke Bahnhof-/Graf-Folke-Bernadotte-Straße.

Das heute unscheinbare Fachwerkhaus an der nördlichen Frankfurter Straße, also an der heutigen Stadtgrenze zu Frankfurt, hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine nicht unerhebliche Bedeutung. Dort war nämlich das Großherzogliche Hauptzollamt untergebacht. Man muss wissen, dass sich damals die einzelnen deutschen Bundessstaaten gegen „konkurrierende“ Waren aus den Nachbarländern abschotteten. „Die bis 1866 im Deutschen Bund zusammengeschlossenen deutschen Staaten besaßen keine Kolonien als Rohstoffmärkte, außerdem fehlte ein weiträumiger Binnenmarkt, denn jeder Bundesstaat schottet seine Wirtschaft durch Zollgrenzen ab“, erklärt Fogel die damalige Situation. Das großherzogliche Zollamt war Waren-Grenzposten zum Preußischen Hessen, zu dem Frankfurt gehörte.

Und was sind Balser-Häuser? Vielleicht mag schon mancher davon gehört haben, doch was hat Neu-Isenburg damit zu tun? Ernst Balser (1893 – 1964), ein Isenburger, war ein herausragender Architekt und nicht nur am zukunftsweisenden Projekt „Neues Frankfurt“ beteiligt. Sondern er hat auch in der Hugenottenstadt seine Spuren hinterlassen. Das bedeutendste Bauwerk dürfte der Gebäudekomplex der früheren Zündholzmonopolverwaltung in der westlichen Bahnhofstraße sein. Das Gebäudeensemble besteht aus drei Riegeln und ist noch recht gut in seiner Gesamtheit erhalten. Fogel weist jedoch auch noch auf weitere Bauten Balsers hin, wie das Haus Dr. Bäck. Ernst Balser war es aber auch, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Zusammenarbeit mit dem Bauunternehmen Hochtief eine neue, wegweisende Bautechnik entwickelte: Unter Einsatz fabrikmäßig vorproduzierter Fertigteile und Materialien ermöglichte das „Balser-Hochtief-Montagesystem“ ein schnelleres und vor allem kostengünstigeres Bauen.

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Und wo wurde eigentlich das erste Hochhaus in der Stadt errichtet? Fogel lenkt den Weg an die Einmündung der Dornhofstraße in die Hugenottenallee. Um die herrschende Wohnungsnot in den Griff zu kriegen, baute man in den 1950er Jahren zunehmend in die Höhe. „Bereits 1952 errichtet die in Darmstadt ansässige Hessische Gemeinnützige Aktiengesellschaft für Kleinwohnungen unter Beteiligung der Stadt an der Dornhofstraße das erste Hochhaus in der Stadt“, ist im Geschichtsbuch zu lesen. Neu waren auch die integrierten Bäder und die Zentralheizung.

Der Westendbrunnen erfuhr vor ein paar Jahren eine Wiederentdeckung. Der vom damaligen Westendverein 1910 gegenüber dem Bahnhof errichtete Brunnen wurde mehr und mehr von der ihn umgebenden Eibe überwuchert. Im Zuge der Erneuerung des Bahnhofsvorplatzes wurde er dann zurück ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Heute kann man sich daneben auf Bänken ausruhen. (lfp)

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