Audiovisueller Blick in die Zukunft

Neue Bahnstrecke: Multimedia-Lärmgutachten soll Anwohnern in Zeppelinheim Sorgen nehmen

„Wir wollen den Menschen die spätere Realität präsentieren“: Das DB-Netz-Team um Aufnahmeleiter Levin Kärcher (Mitte) hat in der Langen Schneise eine Omni-Cam aufgebaut, die ein 360-Grad-Panorama zeichnet.
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„Wir wollen den Menschen die spätere Realität präsentieren“: Das DB-Netz-Team um Aufnahmeleiter Levin Kärcher (Mitte) hat in der Langen Schneise eine Omni-Cam aufgebaut, die ein 360-Grad-Panorama zeichnet.

Vor dem Start der neuen Strecke Frankfurt-Mannheim nimmt die Bahn umfangreiche Lärmmessungen in Zeppelinheim vor. Sie will damit den Anwohnern die „spätere Realität präsentieren“.

Neu-Isenburg – Lärm ist ein Reizthema, insbesondere in dicht besiedelten Gebieten mit einer Verkehrsinfrastruktur wie in der Metropolregion Rhein-Main. Steht ein Projekt an wie die Bahn-Neubaustrecke Frankfurt-Mannheim, ist der Lärmaspekt hoch angesiedelt als Faktor im Genehmigungsprozess. Das weiß auch die DB Netz AG, für Bau und Betrieb des Schienennetzes verantwortlich. „Einerseits wollen Nutzer möglichst kurze Wege zum nächsten Bahnhof, doch vom Lärm will man möglich nichts abbekommen“, umreißt Jörg Ritsert, Verantwortlicher für die Neubaustrecke, das Problem.

Am Siedlungsrand von Zeppelinheim, wo die Kapitän-Strasser-Straße in die Lange Schneise mündet, herrscht ungewöhnliche Betriebsamkeit. Ein Team des Fraunhofer-Instituts baut ein seltsames Gerät auf. Auf einem Stativ steht ein mit Puscheln besetztes Teil, aus dem nach oben zehn Spiegelsegmente herausragen. „Das ist unsere Omni-Cam. Die kann ein 360-Grad-Panorama aufzeichnen und dazu alle Geräusche registrieren“, beschreibt Thomas Koch, Projektleiter Audiovisuelle Dokumentation, das Hightech-Gerät. 150 Meter weiter, an der Lärmschutzwand der bestehenden Trasse, wird eine weitere Mikrofoneinrichtung aufgebaut. „Wenn wir aufzeichnen, wird die reale Situation im Panorama von 360 Grad, dazu sämtliche Geräusche aufgezeichnet“, erklärt Aufnahmeleiter Levin Kärcher.

Die Dokumentation mittels der zehn Spiegelsegmente wird technisch so aufbereitet, dass diesen Basiswerten verschiedene (rechnerisch erzeugte) audiovisuelle Komponenten hinzugefügt werden können, um eine Simulation zu erzeugen. Dieses „Postprocessing“ geschieht im TiME Lab des Fraunhofer-Instituts Berlin. Ergebnis ist eine objektbasierte Audiowiedergabe. Diese benötigt der Bauherr DB Netz, um sowohl die Genehmigungsbehörden als auch die Menschen entlang der Trasse davon zu überzeugen, dass die neuen Lärmwerte unterhalb einer gewissen Obergrenze bleiben. Um dies zu erreichen, werden die Parameter neuer Züge mit leiseren Rädern, gepaart mit entsprechend hohen Lärmschutzwänden, in der audiovisuellen Präsentation dargestellt.

„Wir wissen um die Problematik von Lärmempfindungen in der Bevölkerung und wollen bereits im Vorfeld den Menschen durch diese Technik die spätere Realität präsentieren“, nennt Ritsert die Gründe für den Aufwand. „So dokumentieren wir die heutige Schallsituation. Mit der audiovisuellen Aufbereitung wollen wir die spätere Realität visualisiert darstellen“, so der Projektleiter. Im Idealfall sollen Anwohner nur ein leises Rauschen hinter der Lärmschutzwand vernehmen. Entlang der angedachten Vorzugsvariante für die Neubautrasse soll an insgesamt sieben Stellen eine solche audiovisuelle Dokumentation die Realität, besonders die Lärmsituation, abbilden.

Zeppelinheims Ortsvorsteher Sebastian Stern, ebenfalls zum Videodreh gekommen, war besorgt, dass infolge des Bahnstreiks immer noch zu wenig Züge fahren. „Wir wollen mit dieser Aktion recht früh in die Bürgerbeteiligung gehen“, betont Projektleiter Ritsert. Die Zeppelinheimer dürfen gespannt sein, wenn sie die fertige audiovisuelle Schallsimulation präsentiert bekommen. (Leo F. Postl)

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