Ausstellung im Stadtmuseum

Neue Heimat Neu-Isenburg

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Kleinformatige Kunstwerke syrischer Künstler ergänzen die Ausstellung. Die Skulpturen sind von Rima Mardam Bey, die in Köln lebt.

Neu-Isenburg - Wie leben Geflüchtete in Neu-Isenburg? Ist ihnen die Hugenottenstadt zur Heimat geworden? Was fällt den Neubürgern auf, was sind ihre Sehnsüchte, was gefällt ihnen nicht? Dr. Bettina Stuckard vom Kulturbüro und Museumsleiter Christian Kunz suchten die Begegnung mit den Geflüchteten. Ihre Gespräche haben sie zu einer Ausstellung verarbeitet, die den Titel „DA. SEIN“ trägt.

Fluchtgründe und die traumatisierenden Erlebnisse einer Flucht waren dabei nicht Thema, stattdessen ging es um die Erfahrungen in der neuen Stadt. Die Isenburger werden von den Interviewten als aufgeschlossen und hilfsbereit bezeichnet: „Die Menschen sind sehr nett, sie helfen. Wenn ich etwas brauche, fragen die Menschen nicht, sie helfen.“ Auch das Essen wird gelobt: „Das Essen hier ist gut, es ist sehr gesund.“ Und das Wetter? „Mit Regen und kalt, das gefällt mir“, sagt einer. „Hier ist die Luft besser“, ergänzt eine andere.

Man wundert sich über radelnde Senioren: „Ich sehe hier sehr oft die alten Leute mit Hund oder mit Fahrrad, das war für mich ein bisschen komisch, aber nicht schlecht. Ich finde das total schön, wenn man alt ist und noch die Energie hat.“ Manche Umstände, die in der deutschen Gesellschaft auffallen, machen nachdenklich: „Eine Krankenversicherung ist sehr gut“, betont eine afghanische Ärztin: „Das ist wichtig, denn wenn in unserem Land ein Mann kein Geld hat, kann er keinen Arzt besuchen.“ Eine andere sagt: „Die Frau in Deutschland ist frei. In Afghanistan ist sie nicht frei.“

Heimweh und Sehnsucht haben alle, die Familien fehlen. Einige erzählen, dass sie zu Hause unter Todesangst gelitten haben. „Als ich in Afghanistan war, bin ich morgens zur Arbeit und ich dachte: Heute sterbe ich.“ Der Bauingenieur macht sich große Sorgen, wenn er von Bomben in Kabul liest. Er hat gerade erst zwei Freunde bei einer Detonation verloren. Ein Elektriker berichtet von seiner seelischen Qual: „Mein Herz ist ein bisschen schwer. Man denkt an die Familie. Immer.“

Fast alle der Befragten nehmen städtische Angebote wahr: Sie spielen Gitarre, lernen Deutsch, besuchen Nähkreise. Eigentlich ist in Isenburg alles gut: Die Verkehrsanbindungen, das Einkaufszentrum, die Behörde. Aber es gibt auch einiges, was nicht gefällt: „Tattoos gefallen mir überhaupt nicht. Ich weiß, jeder hat die Freiheit und kann sein, was er will. Trotzdem: Tattoos gefallen mir nicht“, stellt ein Afrikaner fest. Und Ahmad konstatiert mit strengem Blick: „Was in Neu-Isenburg nicht gut ist? Diese Ampel am Rewe. Die ist immer rot.“ Humor ist allen eigen, ein ebenso universelles Phänomen wie die Lust am Essen. Ein besonderes Gericht aus ihrem Heimatland haben alle im Gepäck und die Gerichte wurden in einem Rezeptheft für die Ausstellung zusammengestellt.

Bilder aus dem frisch sanierten Stadtmuseum

In seiner Begrüßung fragt Bürgermeister Herbert Hunkel, ob Neu-Isenburg zur Heimat geworden ist oder werden kann? Ob die Bemühungen ausreichen, um ein gutes Miteinander gedeihen zu lassen? „Wenn Menschen nach ihrer Flucht endlich hier einen Ort gefunden haben, an dem sie sich wohl fühlen, bedeutet dies mehr als nur ein Dach überm Kopf“, sagt Hunkel. Er verweist auch auf die Herausforderungen der gesellschaftlichen Integration. Neu-Isenburg wurde einst von hugenottischen Glaubensflüchtlingen gegründet. Christian Kunz erzählt vom schwierigen Start des Dorfes, dem von den Nachbardörfern mit Argwohn und Feindschaft begegnet wurde. Aus der Geschichte habe Isenburg gelernt: „Ein über Jahrhunderte entwickeltes Gemeinwohl hat aus der geschlossenen Ursprungssiedlung eine moderne Stadt werden lassen, die Heimat für viele Menschen bietet.“

Auch das dokumentiert die Ausstellung. Ergänzt werden die Texte von Fotos, die Orte zeigen, die den Neubürgern besonders wichtig sind: Goetheschule, Rathaus, Sportpark, Wald, IZ, Gitarrengruppe, Wochenmarkt. Einige Fotos wurden von den Interviewten selbst gemacht, für andere begaben sich Kati Conrad, Alexander Jungmann und Christoph Golla auf Spurensuche – auch dies Verweis auf ein kreatives Miteinander.

Lyrik aus den Ländern der Geflüchteten bildet einen weiteren Akzent der Ausstellung. Kleinformatige Kunstwerke aus Syrien wurden als Leihgaben für die Schau von Jabbar Abbdullah zur Verfügung gestellt. Der Syrer organisiert in Köln das Symposium „Syrien – Kunst – Flucht“ mit mehr als 60 Künstlern. Für 2018, so berichtet Bettina Stuckard, ist geplant, die große Ausstellung nach Neu-Isenburg zu holen. (hov)

Die Ausstellung „DA.SEIN“ ist bis 25. Februar im Stadtmuseum zu sehen, das freitags von 14 bis 17 Uhr und samstags & sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet ist. Eintritt: „Zahle, was du willst“.

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