Aktionen gegen Ressentiments

Neue Initiative gegen Rechts: „Solidarität statt Hetze“

+
Die gelben „Straßenschilder“ mit der Aufschrift „Neu-Isenburg ohne Rassismus“ erregen auf dem Wochenmarkt Aufmerksamkeit: Gegen jede Art von Ausgrenzung will sich die neue Initiative „Iburg ohne Rassismus“ wenden - ganz gleich, von welcher Seite sie kommt.

Neu-Isenburg - Unter dem Titel „Solidarität statt Hetze“ begann die Initiative „Iburg ohne Rassismus“ zum jüngsten Wochenmarkt auf der Bahnhofstraße mit „Lesen gegen Rechts“ als Startschuss eine Reihe von Aktionen gegen „Ressentiments und faschistisches Gedankengut“. Von Stefan Mangold

Gelbe Schilder mit der Aufschrift „Neu-Isenburg ohne Rassismus“ springen an diesem Markt-Morgen in der Fußgängerzone ins Auge. Hauptanlass, sich zu zeigen, sei die Wahl zum Hessischen Landtag am 28. Oktober, erklärt Rolf Engelke, der Sprecher der Initiative. Man fürchte am Beispiel von Innenminister Horst Seehofer, auch in Hessen könne sich die politische Auseinandersetzung auf ungute Weise um das Thema Flüchtlinge ranken, „um Stichworte wie Obergrenze und Abschiebung“. Insbesondere das Erstarken der AfD nehme die Hemmungen, in der Politik auf die Karte Fremdenangst zu setzen.

Als zynisch empfinde er Seehofers Ausspruch, „ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 Personen nach Afghanistan zurück geführt worden“. Engelke spricht auch den Tod des 23-Jährigen an, den die Behörden nach acht Jahren Aufenthalt in Deutschland nach Kabul ausfliegen ließen, wo er sich erhängte. Dass der Mann mehrfach wegen Rohheits- und Eigentumsdelikten in Deutschland vorbestraft war, „das kann kein Grund für Abschiebung in eine Bürgerkriegsregion sein“. Wenn jemand hierzulande gegen das Gesetz verstoße, solle ihn die hiesige Justiz auch sanktionieren.

Auf den generellen Einwand von Spiegel-Autor Jan Fleischhauer, „man könnte erwarten, dass Menschen, deren Aufenthalt eher prekär ist, sich am Riemen reißen“, entgegnet Engelke, es handele sich meist um durch Krieg Traumatisierte, „denen sollten wir therapeutisch helfen, statt sie ins Abschiebegefängnis zu stecken“. Die bundesdeutschen Probleme bei der Aufnahme von Flüchtlingen seien mit denen anderer Länder ohnehin nicht zu vergleichen, „anders als etwa im Libanon, muss hierzulande niemand fürchten, wegen Flüchtlingen nicht satt zu werden“. Der knappe Wohnraum im Rhein-Main-Gebiet sei ebenfalls nicht die Schuld geflohener Syrer, „sondern die seit Jahren sozial verfehlter Wohnungsbaupolitik“.

Abschiebungen spielten letztlich auch den Islamisten in die Hände, die dann postulieren könnten, „seht her, wie unmenschlich sich die westlichen Demokratien am Ende verhalten“. Am Büchertisch, den auch Stadtbibliotheksleiterin Jutta Duchmann betreut, liegt etwa das Buch „Deutschland ohne Ausländer – Ein Szenario“ von Pitt Bebenburg und Matthias Thieme, das beschreibt, wie das öffentliche Leben ohne Zugewanderte zusammenbräche. Nebenan blättert jemand in „Faschismus – Eine Warnung“ aus der Feder der früheren US-amerikanischen Außenministerin Madeleine Albright. In der späteren Pressemitteilung zur Aktion schreibt die Initiative: „Die Bücher zum Thema Faschismus und Rassismus interessierten ebenso wie die zum Verkauf angebotenen Bücher der Buchhandlung Leander.“

Tausende gegen AfD-Demonstration in Berlin

Aufmerksam hören zudem Passanten und Besucher zu, als Pfarrer i. R. Matthias Loesch und Margit Emde aus „Des Teufels General“ von Carl Zuckmayer und „Who is the coloured man?“ von Leopold Sedar Senghor vorlesen. Vor Kurzem nannte sich die neue, überparteiliche und aus Privatpersonen bestehende „Initiative Iburg ohne Rassismus“ noch „iburgnazifrei“. Es habe in der Gruppe Diskussionen über den Namen gegeben, weshalb man ihn änderte, erklärt Rolf Engelke. In der Tat klingt „iburgnazifrei“ irritierend. (Schließlich formulierte SS-Chef Himmler, „Warschau ist judenfrei“.)

Sprecher Engelke erklärt, den Namen hätte man von einer entsprechenden Initiative aus Dresden übernommen, die damit wiederum den Neonazijargon von der „national befreiten Zone“ persiflieren wollte. Rassismus kennt keine Grenzen. Aus dem Amateurfußball erzählen etwa schwarzafrikanische Spieler, auf dem Platz von türkischen Gegnern wegen ihrer Hautfarbe ähnlich beschimpft zu werden, wie in Ostdeutschland von Zuschauerrängen. Worte wie „Kanake“ am Biertisch scheinen Standard geworden zu sein. Für „Iburg ohne Rassismus“ sei klar: „Wir wenden uns gegen jede Art von Ausgrenzung, ganz gleich, von welcher Seite sie kommt.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion