Neue Perspektiven

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Jugendliche im brasilianischen Poco Branco finden neues Selbstbewusstsein und Anerkennung in der Gemeinschaft dank Capoeira und dem Hilfsprojekt von Dr. Frank Freytag.

Neu-Isenburg - Eine Schule besuchen, in den Sportverein gehen, mit einem PC umgehen können, medizinisch gut versorgt sein – im ärmlichen Norden Brasiliens sind solche Dinge keine Selbstverständlichkeit. Von Katrin Diel

In den ländlichen Gebieten arbeiten die Menschen als Tagelöhner, schneiden Zuckerrohr“, erzählt Dr. Frank Freytag. In der 13 000- Einwohner-Stadt Poco Branco hat der Isenburger Internist vor vier Jahren in Zusammenarbeit mit Menschen vor Ort das Hilfsprojekt „Capodanca“ angestoßen, um Kindern und Jugendlichen neue Perspektiven zu eröffnen.

80 junge Leute von fünf bis 20 Jahren besuchen derzeit die Capoeira-Schule, an der neben dem brasilianischen Kampftanz zum Beispiel auch PC-Kurse angeboten werden. Mittlerweile nimmt auch ein guter Anteil von Mädchen an dem Projekt teil, freut sich Dr. Freytag. Vier Vollzeitkräfte kümmern sich um die Jugendlichen – eine Schulleiterin und drei Ausbilder – außerdem etwa zehn ehrenamtliche Helfer. Nicht nur sportliche Fähigkeiten, auch Werte sollen den Teilnehmern vermittelt werden. „Themen wie Aufklärung und Aids – darüber wird in den ländlichen Gebieten nicht geredet.“

Dauerhaft am Capoeira teilnehmen darf nur, wer nachweisen kann, dass er die Schule besucht. „Dabei müssen wir gar nicht den moralischen Zeigefinger erheben“, berichtet Dr. Freytag. „Man muss sie gar nicht mehr davon überzeugen, dass Schule gut ist. Die Jugendlichen sind da selbst Vorbild füreinander.“ Die jungen Leute hätten durch die Teilnahme an dem Projekt neue Werte und Normen entwickelt. „Während es vorher toll war, ein schlimmer Junge zu sein, ist es jetzt so, dass sie in der Schule gut sein wollen.“ Diese Erfolgserlebnisse entschädigen ein bisschen dafür, dass einige so sehr in Gewalt und Drogenszene fest hängen, dass ihnen nicht geholfen werden kann. „Das ist traurig, aber es ist Teil der Realität, die wir lernen mussten.“

Für die Zukunft könnte sich Dr. Freytag vorstellen, das Modell auf andere Hilfsprojekte an anderen Orten zu übertragen. „Mit einer anderen Sportart könnte man das zum Beispiel in Indien machen“, meint er. „Es ist wichtig, die Jugendlichen mit etwas zu erreichen, das sie interessiert.“ Für das Haus in Poco Branco wäre irgendwann noch ein Anbau nötig – und neue PCs für die Kurse. „Momentan leihen wir die von einem Internet-Café.“

Am Samstag, 10. Oktober, stellt Frank Freytag diese Bilder in seiner Praxis im Ärztezentrum aus. Die Veranstaltung beginnt um 11 Uhr und ist Teil der Reihe „Kunst und Kultur an ungewöhnlichen Orten“ des Forums zur Förderung von Kunst und Kultur. Die Fotos sollen dann als Wanderausstellung zum Beispiel in Bibliotheken, Rathäusern, Banken oder auch Schulen gezeigt werden.

Finanzielle Unterstützung erhofft sich Frank Freytag in erster Linie von größeren Unternehmen, nicht so sehr von einzelnen Bürgern. Es gebe so viele Menschen, die sich bereits für andere tolle Projekte engagierten, zum Beispiel in der Hospizarbeit oder bei der Tafel – deren Einsatz wolle er nicht auch noch fordern. Da reiche ihm die ideelle Anerkennung dieser „Mitstreiter im Geiste“. Auch der Förderverein, der sich zurzeit in der Gründung befinde, wolle sich nicht über Mitgliedsbeiträge finanzieren, sondern hofft auf Zustiftung großer Firmen.

Deren Unterstützung könnte Freytag auch für ein Buch gebrauchen, das er demnächst veröffentlichen will. Es zeigt Fotos, die er in Brasilien gemacht hat – Porträts der Menschen dort – und beschreibt das Projekt. Der Erlös aus dem Verkauf soll komplett nach Brasilien gehen.

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