Relikt im Wald

Weltkriegsbunker in Neu-Isenburg kann digital erkundet werden

So sieht es in dem Bunker aus.
+
So sieht es im Inneren des Weltkriegsbunkers in Neu-Isenburg aus.

Im Wald des Neu-Isenburger Stadtteils Zeppelinheim liegt ein versteckter Bunker. Dank eines Forschers kann das Relikt nun auch digital erkundet werden.

Neu-Isenburg - Ein eigentlich längst stillgelegtes und in Vergessenheit geratenes Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg ist in den vergangenen Wochen im Wald bei Zeppelinheim wieder in den Fokus gerückt: Die Rede ist von einem unterirdischen Luftschutzbunker, der südlich des Neu-Isenburger Stadtteils versteckt im Wald in den 1940er Jahren angelegt wurde.

Einige ältere Zeppelinheimer erinnern sich daran, als Jugendliche in dem Bunker gespielt zu haben – das Gelände galt nach dem Krieg als eine Art Abenteuerspielplatz der örtlichen Jugend. Aus Sicherheitsgründen war der Eingangsbereich zu der Luftschutzanlage dann jedoch später verschüttet und schließlich zubetoniert worden – denn so eine Anlage lockt halt immer wieder ungebetene Gäste an.

Weltkriegsbunker in Neu-Isenburg: Unbekannte verschaffen sich 2018 Zutritt

Im Laufe der Zeit geriet die Anlage in Vergessenheit; trotzdem blieb sie ein potenzielles Sicherheitsrisiko. Daher wurden im Jahr 2015 von der Forstverwaltung die beiden Notausgänge mit stabilen Gittertüren verschlossen und über diese Zugangsbereiche dicke Baumstämme gelegt. Die Absicht war, dort ein Refugium für Fledermäuse zu schaffen. Mitte Mai dieses Jahres hatten Bürger dann jedoch bemerkt, dass Unbekannte mit einem erheblichen Aufwand einen der Notausgänge aufgegraben hatten und nach dem Durchtrennen der Gitterstäbe in den Bunker eingedrungen waren. Schmierereien im Inneren des Bunkers legen nahe, dass dies bereits im Jahr 2018 geschehen ist.

Der von Unbekannten freigelegte Eingang des Luftschutzbunkers im Wald südlich des Neu-Isenburger Stadtteils Zeppelinheim.

Das Isenburger Ordnungsamt sicherte den Bereich und forderte den Grundeigentümer Hessenforst auf, den Eingang wieder zu verschließen. Dies ist zwischenzeitlich auch erfolgt: Mit schwerem Gerät wurde der Bodentrichter verfüllt und das Gelände eingeebnet – in einem Jahr wird vermutlich nichts mehr auf die Existenz dieser Anlage hinweisen.

Dr. Wilhelm Ott: Digitale Erkundungstour des Bunkers in Neu-Isenburg auf Youtube

Wer aber einen Blick in die große Luftschutzanlage werfen möchte, in der rund 150 Menschen Platz finden konnten, kann das nun locker von der heimischen Couch aus tun: Dem Dreieicher Heimatforscher Dr. Wilhelm Ott ist es zu verdanken, dass der Luftschutzbunker dokumentiert wurde. Er filmte seinen Gang durch den Bunker und hat das Ergebnis in Abstimmung mit den Denkmalschutzbehörden auf YouTube hochgeladen. Der gut fünfeinhalb-minütige Film ist mit den Suchwörtern „Zeppelinheim“ und „Bunker“ dort leicht zu finden; oder auch, gemeinsam mit weiteren Infos, über die Homepage des renommierten Heimatforschers.

Der Zeppelinheimer Ortvorsteher Sebastian Stern hatte Ott vor der geplanten Verfüllung informiert. Der Sprendlinger, der schon zu dem Thema recherchiert hatte, nutzte die Gelegenheit, dass der Bunker kurzfristig zugänglich war, zur Dokumentation des Innenraums. Voraussetzung für ihn sei dabei gewesen, dass dort keine Fledermäuse angetroffen wurden, berichtet Ott.

Neu-Isenburg: Platz für „etwa 150 Leute“ im Luftschutzbunker

Bei dem Luftschutzbunker handelt sich um ein System aus zwei circa 20 Meter langen, im Winkel von 120 Grad zueinander stehenden Gängen von 1,50 Meter Breite und 2,50 Meter Höhe. Der verschüttete Eingangsbereich liegt im Westen. Der Westgang ist über eine Gasschleuse zu begehen. An der Schnittstelle beider Gänge befindet sich ebenfalls eine Gasschleuse mit Notausgang. Dieser wurde von den Unbekannten freigelegt und aufgebrochen.

Kaum jemand erinnert sich an den Luftschutzbunker in Neu-Isenburg: „A“ markiert die Position des aufgebrochenen Notausgangs, „B“ die Gasschleuse mit nördlichem Notausgang, „C“ eine Nische für Gerätschaften. Der alte Eingangsbereich ist bei G, E und H.

Im Nordgang befindet sich eine Nische, in der Ausrüstungsgegenstände aufbewahrt wurden. Der Gang endet in einer dritten Gasschleuse mit Notausgang. In beiden Gängen sind Öffnungen zur Belüftung zu erkennen. Während des Krieges waren in den Gängen beidseitig Bänke angebracht. „Etwa 150 Personen konnten in der Luftschutzanlage Platz finden“, berichtet Ott. Vermutlich sei sie für die Mitarbeiter des Betriebs zur Reparatur von Flugzeugmotoren im heutigen Zeppelinheimer Industriegelände erbaut worden. „Es gibt zurzeit keine gesicherten Hinweise darauf, dass Zeppelinheimer Bürger dort in den Bombennächten Schutz gefunden hätten.“

Seltsamer Fund im Westteil des Neu-Isenburger Bunkers: ein Kinderwagen

Die Innenwände des Bunkers sind teils mit Farbe beschmiert, im Westteil findet man ein vermodertes Sofa und zwei Sessel, auch Überreste einer Matratze – und seltsamerweise einen Kinderwagen.

Infos im Internet unter:

steine-in-der-dreieich.de/bunker-zeppelinheim.html

Bürgermeister Herbert Hunkel ist Ott dankbar „für diese sehr lobenswerte und gründliche Arbeit“. Der Rathauschef betont, dass neben den Flakstellungen in der Isenburger Ostgemarkung und dem geheimen Bahnausbesserungswerk in der Nähe des Bahnhofs jetzt ein weiteres historisches Bodendenkmal aus dem Zweiten Weltkrieg auf Neu-Isenburger Gebiet dokumentiert werden konnte. „Obwohl es jetzt nicht mehr zugänglich ist, bleibt es ein lokalhistorisch bedeutsames Objekt, das von den schrecklichen Ereignissen der Kriegszeit Zeugnis gibt“, sagt Hunkel. (Holger Klemm)

Im Mai 2017 ist eine Flakstellung aus dem Zweiten Weltkrieg in Neu-Isenburg in die Denkmalschutzliste eingetragen worden.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare