Pizzeria „Monte Carlo“

Eine Institution in Gefahr

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Giuseppe (Pino) Caliolo verbringt gerade unruhige Zeiten. Sein beliebtes „Monte Carlo“ soll nach 37 Jahren plötzlich für immer die Türe schließen.

Neu-Isenburg - Nach 37 Jahren soll einer der beliebtesten Wirte Isenburgs sein Lokal schließen. Der Vermieter kündigte. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Reden will der Eigentümer nur über die Anwälte. Von Stefan Mangold

Giuseppe Caliolo wird den 13. Mai 2015 nicht vergessen. Da schneite mittags ein Bote in sein „Monte Carlo“ an der Löwengasse und ließ sich den Empfang eines Kuverts quittieren. Der Inhalt: Die Kündigung des Pachtvertrags durch die beiden Vermieter. „Wie ein Messerstich ins Herz“, habe die Lektüre gewirkt. Zu seinen Stammgästen gehört Dr. Franz Windischmann. Caliolo legte dem Isenburger Rechtsanwalt das Schreiben neben den Espresso, „bitte schau dir das an“.

Giuseppe Caliolo ist nicht irgendein Wirt in Neu-Isenburg und das Monte Carlo nicht irgendeine Pizzeria. Der 65-Jährige lebt seit 1970 in der Stadt und eröffnete das Restaurant mit seiner Frau Maria am 25. Januar 1979. Ursächlich war seine Leidenschaft für Fußball. Damals spielte Caliolo im zentralen Mittelfeld der Betriebsmannschaft des Kuratoriums für Dialyse und Nierentransplantation. Pino, wie ihn alle nennen, erledigte dort mit seiner Frau Maria einen klassischen Gastarbeiterjob: Die beiden putzten. Der Chef des Hauses, Dr. Klaus Ketzler, nahm seine Nr. 10 zu einem Turnier nach Ingolstadt im Auto mit. Auf der Rückfahrt saß Luigi Brunetti dabei. Ihm gehörte damals das Adria an der Löwengasse. Brunetti erzählte von seiner Absicht, das Restaurant abzugeben. Die korrespondierte mit den gastronomischen Plänen von Pino und Maria Caliolo.

Das Monte Carlo, wie es dann hieß, lief sofort formidabel. Ein halbes Jahr gab es keinen Ruhetag. Den legten die Caliolos dann auf den Montag. Bis heute. Das hält viele Isenburger immer noch nicht davon ab, telefonisch für montags Tische reservieren zu wollen. Auch jetzt zur Mittagszeit an einem Dienstag ist es voll. Das Restaurant mit den Toiletten auf dem Hof gilt in Neu-Isenburg als Treffpunkt. Bei Pino sieht man sich. Zum 35-jährigen Jubiläum erschienen Bürgermeister Herbert Hunkel und Landrat Oliver Quilling. Auch Franz Windischmann sitzt heute wieder hier, der Fachanwalt für Mietrecht.

Eigentümer von Gewerbeflächen liegen meist auf der Sonnenseite des Rechts. Wenn es läuft, sprudelt das Geld auch ohne übertrieben großen Zeitaufwand. Und der Verpächter darf einem wie Giuseppe Caliolo, der mit seiner Frau Maria seit 37 Jahren von morgens bis nachts rackert, grundlos ‘Arrivederci’ sagen, ‘in drei Monaten seid ihr weg’. In Zwangsrente. Für ein Paar Mitte 60 heißt das nichts anderes.

Windischmann konnte die Kündigung erst mal aus formalen Gründen für ungültig erklären. Einem der beiden schon älteren Vermieter steht ein Betreuer zur Seite. Bei gewichtigen Rechtsschritten muss erst ein Gericht zustimmen. Caliolo erzählt, früher hätte er den Pachtvertrag alle fünf Jahre verlängert. Vor zehn Jahren habe er den Eigentümer deshalb wieder angesprochen. Der habe ihm geantwortet, „brauchen wir nicht, bleib so lange, wie du willst“.

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Windischmann war davon ausgegangen, die Kuh lasse sich gütlich vom Eis schieben. Das Monte Carlo macht die 40 Jahre voll, dann verlassen die Caliolos auch die Wohnung darüber und ziehen nach Apulien zurück. Doch der Anwalt der Gegenseite gab zu verstehen, sein Mandant sei nicht bereit, auch nur einen Millimeter zu rücken.

Normalerweise verhält sich jemand so, wenn ihn entweder die Aussicht auf eine höhere Rendite treibt oder sich Zorn entlädt. Woher der rühren könnte, kann sich Caliolo nicht erklären. Sicher habe es seit 1979 auch Kontroversen gegeben. Die lägen Jahre zurück und hätten sich regeln lassen. Außerdem erledige mittlerweile eine Hausverwaltung die Geschäfte.

Bleibt der wirtschaftliche Aspekt. Windischmann erklärt, wenn sein Mandant schließe, vergäbe die Stadt keine Ausschank-Konzession mehr. Die Auflagen ließen sich nicht mehr erfüllen. Das einzige, was Sinn machte, wäre, das Lokal in Wohnraum umzuwandeln. Das erkläre die Kompromisslosigkeit des Eigentümers aber nicht zwingend, „der Mann ist schließlich nicht arm.“ Im Dezember erfolgte eine Räumungsklage. In den nächsten Monaten nimmt das Landgericht in Darmstadt den Fall unter die Lupe. Auch gegenüber unserer Zeitung will der Vermieter seine Motive nicht erklären. Am Telefon heißt es knapp: „Solange das Verfahren läuft, kommentieren wir nichts.“

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