Prozessauftakt am Landgericht Darmstadt

Mit Hasch-Öl im Gurkenglas erwischt

Neu-Isenburg/Darmstadt - Prozessauftakt am Landgericht Darmstadt gegen ein Duo wegen strafbarer Einfuhr von Betäubungsmitteln. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Die Kluft zwischen Rechtsempfinden und Rechtslage ist manchmal abgrundtief. Seit vier Monaten sitzen ein serbischer Heilpraktiker und seine Begleiterin in Untersuchungshaft, weil sie auf dem Rastplatz Stadtwald an der A3 bei Neu-Isenburg mit 1,7 Kilogramm Haschischöl erwischt wurden, das nach ihren Angaben „zur Behandlung schwerkranker Menschen“ dienen sollte. Seit gestern wird diese strafbare Einfuhr von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge vor dem Landgericht Darmstadt verhandelt – denn Cannabis, egal welchem Zweck es auch immer dienen mag, ist eben in den meisten europäischen Ländern verboten. Da nutzt es dem 41-jährigen Angeklagten auch wenig, dass er quer durch das ehemalige Jugoslawien eine prominente Persönlichkeit darstellt, deren Heilerfolge regelmäßig Thema in Presse und TV sind.

Allein die Geständnisse der beiden Belgrader Angeklagten nahmen den gesamten Vormittag in Anspruch. Mit Hilfe seines Verteidigers lässt sich der Heiler umfangreich sowohl zum Lebenslauf als auch zur vorgeworfenen Tat ein. Rechtsanwalt Michael Koch: „Mein Mandant war während des Bürgerkriegs in einer militärischen Polizeieinheit, spielte danach in der serbischen und kroatischen Liga Fußball, war ein Jahr beim 1. FC Nürnberg unter Vertrag. 2008 machte er in seiner Heimatstadt Mostar eine Ausbildung zum Chiropraktiker und Physiotherapeut, an die er 2011 ein Fern-Studium in Naturheilkundlicher Medizin dranhing.“ Während der Studienzeit habe er über einen Kanadier von den Therapiemöglichkeiten mit Haschischöl erfahren und begonnen, damit zu experimentieren. Die Cannabispflanzen der speziellen Sorte Indica importierte er aus Montenegro.

Der Erfolg gab ihm offenbar Recht: Bis 2014 behandelte er zahlreiche Patienten erfolgreich mit dem Öl, das tropfenweise oral oder rektal verabreicht wird. Dann versiegte seine Rohstoffquelle. Ein Bekannter aus Amsterdam versprach Abhilfe, der Angeklagte lieh sich ein Auto und fuhr Anfang Februar dieses Jahres in die Niederlande. Dort konnte er tatsächlich sechs Kilo der seltenen Indica-Sorte erwerben, hatte aber nicht genügend Geld dabei.

Zu diesem Zeitpunkt kommt die zweite Angeklagte ins Spiel, eine 55-jährige entfernte Verwandte des Heilers. Er instruierte sie, sich von einem Freund in Belgrad 3500 Euro zu leihen, die sie ihm per Flugzeug nach Amsterdam bringen sollte. Die ebenfalls seit vier Monaten in U-Haft sitzende Bosnierin kam dem Wunsch nach, wusste aber eigenen Angaben zufolge nicht, wofür er das Geld benötigte. So erklärt die Angeklagte den Sachverhalt: „Er hat mir das Flugticket bezahlt und wollte mich auf dem Rückweg in Stuttgart bei meiner Tochter absetzen, die ich lange nicht gesehen hatte. Ich tat ihm gerne den Gefallen, freute mich über die Chance, endlich meine Kinder wiederzusehen!“

Von dem Geld kaufte der Angeklagte die Pflanzen und Utensilien zur Öl-Herstellung. Nach zwei Tagen Arbeit waren 1,7 Kilo Ausbeute in Marmeladen- und Gurkengläser und Spritzen abgefüllt und wurden offen im VW Phaeton verstaut. An der niederländisch-deutschen Grenze lief trotz serbischen Kennzeichens alles glatt. Anders in Hessen: Eine Zivilstreife war auf der A3 am 5. Februar auf der Jagd nach Einbrecherbanden, als den Fahndern der Wagen ins Netz ging. Sie fischten den Phaeton heraus und entdeckten auf dem Rastplatz die Öl-Vorräte auf der Rückbank und einen Plastikschlagstock im Kofferraum. Das Urteil wird kommende Woche erwartet. Wenn es auf bewaffnete Einfuhr von Betäubungsmitteln hinauslaufen sollte, wird der Angeklagte um eine Gefängnisstrafe wohl nicht herumkommen.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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