Mutmaßliche Opfer aus der Nachbarschaft

Prozessauftakt: Vater wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern angeklagt

Neu-Isenburg/Darmstadt - Ein 51 Jahre alter Familienvater aus Neu-Isenburg muss sich seit gestern vor dem Landgericht Darmstadt wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern im Vor- und Grundschulalter verantworten. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Der Prozessbeginn bringt eine Überraschung, das Urteil soll schon in der kommenden Woche fallen. Die Opfer sollen Mädchen aus der Nachbarschaft gewesen sein, die der Mann auf einem Motorroller zum Hengstbach fuhr. Dort soll er sich in zwei Fällen an den im Wasser planschenden Kindern vergriffen haben. Der bekannte Tatzeitraum erstreckte sich von Mai bis August 2015.

Am 29. August soll er einer Sechsjährigen an den Genitalbereich gefasst haben. Am Wasser soll er sie aufgefordert haben, sich auszuziehen und seinen Penis anzufassen. Die Kleine weigerte sich. Darauf soll er selbst ihre Hand genommen und an seinen Penis gedrückt haben. Ein paar Tage zuvor soll ein sehr ähnlicher Tathergang mit einer Siebenjährigen passiert sein. Dabei soll sich das Mädchen selbst das Höschen ein Stück herunter gezogen haben, woraufhin der Angeklagte ihr einen Finger in die Scheide eingeführt haben soll.

Gleich zu Beginn der Verhandlung gibt es die erste Überraschung: Der Mann, der seit über einem Jahr in Untersuchungshaft sitzt, ist in vollem Umfang geständig. Der eher unscheinbar wirkende Neu-Isenburger verliest eine schriftlich vorbereitete Erklärung, die sich im Wesentlichen mit der Anklageschrift deckt. Fragen des Gerichts werden jedoch nicht beantwortet.

Ungewöhnlich ist die Beichte deshalb, weil der Pädophilie beschuldigte Täter zunächst oft versuchen, alles abzustreiten, sich dabei meist auf die blühende Fantasie der Kinder berufen.

Der Isenburger jedoch entschuldigt sich gleich mehrfach bei den Familien der Opfer: „Ich verstehe die Wut der Angehörigen. Ich bin froh, ins Gefängnis gekommen zu sein, weil ich einsehe, dass ich eine Therapie brauche.“ Verteidigungsstrategie oder ehrliche Reue? Irgendwie wirkt das Ganze einstudiert.

Im Laufe der Verhandlung stellen sich weitere Fragen. Drei der fünf angeklagten Fälle wurden bereits vor Verhandlungsbeginn nach Paragraf 154 der Strafprozessordnung eingestellt. Das ist im Grunde nichts Ungewöhnliches, gehört die Teileinstellung bei mehreren Taten wegen Geringfügigkeit vor Gericht schließlich zum Tagesgeschäft. Der Knackpunkt ist im vorliegenden Isenburger Fall allerdings die Gewichtung der Taten. Denn die eingestellten Vorwürfe übertreffen in Schwere und Dauer die noch verbliebenen, was bei den Anwälten der zwei Nebenkläger und den Opfer-Angehörigen gestern für Entsetzen sorgt. Ein Einspruch ist ihnen jedoch verwehrt, denn für den Paragrafen 154 ist kein Beschwerderecht zugelassen. Was die Zweite Strafkammer dazu bewogen hat, diese Entscheidung zu treffen, darüber kann nur spekuliert werden. Nebenklagevertreter Dr. Thorsten Kahl macht aus seiner Ohnmacht keinen Hehl: „Ich vertrete nun seit 30 Jahren Opfer von sexuellem Missbrauch. Ein derartiges Verfahren habe ich noch nicht erlebt!“

Für den Angeklagten geht es um viel – so käme er bei den zwei „nicht so gewichtigen“ Fällen mit wenigen Jahren Haft oder vielleicht sogar Bewährung davon. Würden die anderen drei Fälle „mit verrechnet“, sähe die Sache anders aus: Eine mehrjährige Haftstrafe wäre dann unumgänglich – und Haftverschonung nicht drin. Hier ginge es um sich über mehrere Monate wiederholende Übergriffe, bei denen er unter anderem einer Fünfjährigen seinen Penis in den Mund geführt haben soll. Bei der polizeilichen Vernehmung stellte die Kleine diese Tat sehr authentisch dar: Sie rollte ein Taschentuch zusammen und steckte es sich zwischen die Zähne.

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Rubriklistenbild: © dpa

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