Schuldfähigkeit klären

Raser nach Todesfahrt in Neu-Isenburg erneut vor Gericht

Symbolbild Gericht
+
Am Landgericht Darmstadt hat die Revisionsverhandlung zu einer tödlichen Unfallfahrt begonnen.

Am Landgericht Darmstadt hat die Revisionsverhandlung zu einem heute 40-Jährigen begonnen, der bei einer Unfallfahrt mit überhöhter Geschwindigkeit in Neu-Isenburg einen Menschen getötet hat.

Neu-Isenburg – Am 13. Mai 2017 schoss ein Sportwagenfahrer über die rote Ampel Kreuzung Sprendlinger Landstraße/B459 und krachte mit einem Vespa-Fahrer zusammen, der noch an der Unfallstelle verstarb. Zwei Jahre später sprach die erste Strafkammer des Landgerichts Darmstadt den heute 40-jährigen Fahrer wegen Schuldunfähigkeit frei, ordnete aber die Unterbringung in der Psychiatrie und eine lebenslange Einziehung des Führerscheins an. Gegen das Fahrverbot ging der Formel-Eins-Fan in Revision. Tatsächlich kippte der Bundesgerichtshof am 20. März des vergangenen Jahres das Urteil und verwies das Verfahren an eine andere Strafkammer zurück. Nun wird endlich neu verhandelt.

In den Ausführungen des vierten Karlsruher Strafsenats heißt es, die Schuldunfähigkeit sei zweifelhaft, die Gefährlichkeit des Täters nicht ausführlich genug begründet. Grundlage für diese Meinung ist die Tatsache, dass die psychische Erkrankung des Frankfurters – eine dipolare affektive Störung – bereits seit 2000 bekannt ist, er aber bis zu dem tödlichen Unfall noch nie straffällig wurde.

Aus seiner Liebe zum Rennsport hat der 40-Jährige Langzeitstudent kein Geheimnis gemacht. Mit Kamera an der Kopfstütze raste er den Feldberg rauf und runter, stellte die Filme anschließend in den Sozialen Medien zur Schau, poste vor Rennwagen und verbreitete Zitate und Fotos seiner Ferrari-Idole. Vor seinem ersten Sportwagen – den silbernen Toyota Celica ließ er nach dem Unfall direkt zum Schrotthändler bringen – hatte er zwei seiner drei Kleinwagen bereits zu Altmetall zerfahren. Bis auf eine verstauchte Hand war dabei aber niemand zu Schaden gekommen.

Ganz anders lief es an dem Samstagmorgen im Mai. Die Spritztour führt über den Taunus, die A661 bis Egelsbach und wieder Richtung Norden über die Bundesstraßen bis Neu-Isenburg. Ab der Autobahn fällt der Celica mehreren Autofahrer mit riskanten Überholmanövern, Rotlicht-Überfahrten und Schlangenlinienfahren – wie man es bei Autorennen zum Reifenaufwärmen macht – auf. Gegen 10 Uhr rast der Hobby-Pilot mit fast 140 Sachen über die Unfallkreuzung. Der Vespa-Fahrer, ein 52-jähriger Familienvater, hat keine Chance.

Er knallt unter anderem gegen die Windschutzscheibe des Celicas, wird 23 Meter weit geschleudert und durch den Aufprall so schwer verletzt, dass er stirbt.

Das Fahrzeug kommt erst nach 72 Metern zum Stillstand. Der Fahrer ist nahezu unverletzt. Eine Notfallsanitäterin sieht ihn am Straßenrand hocken und weinen, hört die Worte: „Bitte lass mich keinen Menschen umgebracht haben!“

Während der Unfallhergang geklärt ist, geht es bei der Revisionsverhandlung nun hauptsächlich um die Frage nach der Schuldfähigkeit des Mannes. In einen regelrechten Rausch soll er sich gefahren haben, seine Grenzen ausgetestet und sich besser und stärker als je zuvor gefühlt haben. Manische Zustände sind indes Teil seines Krankheitsbildes. Das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen Dr. Dieter Jöckel soll dies genauer erläutern.

Als Nebenklägerinnen wohnen die beiden Töchter und die Ehefrau des Opfers auch diesmal wieder der Sitzung bei. Einer ihrer Vertreter, der Neu-Isenburger Anwalt Thorsten Peppel, will vom Angeklagten wissen, ob er sich inzwischen mit den desaströsen Folgen seiner Fahrt auseinandergesetzt hat. Die Antwort: „Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht daran denke. Es tut mir unendlich leid, eine Familie zerstört zu haben, ich werde mir das nie verzeihen.“ Peppel: „Würden Sie auf Ihren Führerschein verzichten?“ - „Ja“, ist die überraschende Antwort des Frankfurters. Der Staatsanwalt zeigt sich erstaunt – gerade wegen der Revisionsmotivation des Mannes. Dirk Schillhahn: „Das höre ich heute zum ersten Mal!“

Am 26. Januar soll das neue Urteil fallen. (Von Silke Gelhausen)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare