Die schwere Zeit weggesteckt

Nach Überfall: Rockmusiker findet in altes Leben zurück

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Körperlich konnte sich der Musiker Mark Protze aus Neu-Iseburg von der Gewaltattacke auf dem Wäldchestag wieder erholen. Für die Seele half die Musik.

Neu-Isenburg - Vor knapp einem Jahr musste Mark Protze fürchten, in Folge einer Gewalttat Gesundheit und Existenz zu verlieren. Längst steht der Rockmusiker wieder auf der Bühne. Von Stefan Mangold 

Beim Gang durch den öffentlichen Raum sondiert der Mann die Lage jedoch weit aufmerksamer als früher. Der Isenburger Mark Protze zeigt sich nach seinem Benefizauftritt zugunsten mit HIV infizierter Kinder am vergangenen Freitag in der Friedenskirche an der Frankenallee in Frankfurt zufrieden. Die Plakate mit seinem Konterfei zum Konzert „Rock meets Classic“ hatten den Saiten-Akrobaten auf der E-Gitarre unter seinem Pseudonym „Johnny Dipstick“ als Special-Guest angekündigt. Wie alle anderen Musiker des Abends verzichtete auch Protze auf Gage.

Es war sein zweiter Auftritt in der Kirche. Zuletzt hatte der Mann mit der auffälligen Haarpracht zur Hochzeit der Frankfurter Travestie-Ikone Manuela Mock dort aufgespielt. Es liegt fast ein Jahr zurück, da musste Protze fürchten, nie mehr auf einer Bühne zu stehen, nicht mehr Gitarre spielen zu können. Das hätte für den gebürtigen Wolfsburger nicht nur bedeutet, die Leidenschaft seit Kindesbeinen aufzugeben, sondern seine wirtschaftliche Existenz zu verlieren.

Damals dachte seine Lebensgefährtin, Mark sei tot, als die Sanitäter seinen leblosen Körper in einen Notarztwagen verfrachteten. Auf dem Frankfurter Wäldchestag hatten drei Männer zwischen 20 und 25 Jahren erst Protze wegen seiner langen Haare, dann seine Freundin sexistisch beleidigt. Als Protze sich verbal entgegenstellte, bekam er einen Schlag ab, der wie von einem trainierten Kampfsportler wirkte. In der Luft muss er ohnmächtig geworden sein. Ungebremst fiel der Isenburger mit dem Hinterkopf auf den Boden. Auch seine Freundin bekam etwas ab, als sie verhinderte, dass einer dem ohnmächtigen Freund noch gegen den Kopf tritt. In der Folge erlitt sie kurz darauf einen Bandscheibenvorfall, der sie nach wie vor beschäftigt.

„Körperlich ist bei mir wieder alles in Ordnung“, sagt Mark Protze heute, der damals eine Hirnblutung davontrug, die sich in den ersten Tagen verschlimmerte. Das war die Zeit, als ihn nicht nur der Kopfschmerz quälte, sondern auch die Panik, wie es weiter gehen soll, ob zurück auf die Bühne und zu seinen Gitarrenschülern oder in ein Leben mit Hartz IV. Körperlich half dem Sportler seine Konstitution, um wieder auf die Beine zu kommen, „seelisch war es die Musik“. Gitarre konnte er drei Wochen nicht spielen.

Er ist der beste Luftgitarren-Spieler der Welt

Stattdessen komponierte er mit einem Miniatur-Keyboard im Bett, „Stücke in ruhigem Takt, mit nur 60 Schlägen pro Minute“. Das habe sich auf sein Gemüt wie eine Therapie ausgewirkt. Als Protze wieder zur Gitarre griff, ging es ihm wie einem Fußballer nach einer Verletzungspause. Er brauchte eine Woche Training, um wieder einigermaßen in Form zu kommen. Im Nacken saß ihm das Konzert mit seiner Band Ryffhuntr bei den „Open Doors“. Die Verträge waren unterschrieben, der Termin stand mit dem 21. Juli fest. Drei Tage vorher bekam Protze mit der Abschlussuntersuchung das Okay vom Arzt.

Nein, er träume nicht von den Geschehnissen am Wäldchestag. Aber er sei vorsichtiger geworden, taste aus den Augenwinkeln das Terrain wesentlich genauer ab als vor dem Angriff, wenn er sich etwa frühmorgens auf den Weg zum Frankfurter Hauptbahnhof oder Flughafen mache, um Konzerttermine wahrzunehmen. Zusammen mit seiner Freundin schaute er sich zwar bei der Fahndung nach den Tätern die einschlägige Kundenliste mit rund 500 Bildern bei der Polizei an, „erkannt haben wir jedoch niemanden“. Was Protze dann noch sagt, das hört sich fast wie Mitleid mit den Tätern an: „Wer mit seinem Leben zufrieden ist, der schlägt keine Menschen.“

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