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Scheinrechnungen für Schwarzarbeit

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Aktenstapel
Ein Obertshausener muss sich wegen Steuerbetrug vorm Landgericht verantworten, eine inzwischen insolvente Neu-Isenburger Baufirma spielt bei dem Fall eine Rolle. © UWE Anspach (DPA)

Rund 2,45 Millionen Euro nicht abgeführte Sozialkassenbeiträge und einbehaltene Lohnsteuer: Diese enormen Defizite soll ein 58-jähriger Obertshausener in Zusammenarbeit mit einer Neu-Isenburger Baufirma in den Jahren 2014 bis 2019 verursacht haben. Der mutmaßliche Makler für Abdeckrechnungen muss sich nun vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Darmstadt verantworten.

Neu-Isenburg - Die Anklage lautet Beihilfe zur Steuerhinterziehung und zum Vorenthalten von Sozialversicherungsbeiträgen. So wie man es von der Immobilien- oder Versicherungsbranche her kennt, so hat sich auch im Milieu der krummen Geldgeschäfte seit einigen Jahren der Job des Vermittlers herausgebildet. Im vorliegenden Fall soll der 58-Jährige als Makler für sogenannte Schein- oder Abdeckrechnungen gearbeitet haben. Dafür habe er zwei Prozent der jeweiligen Rechnungssummen als Provision kassiert.

Das Abdeck-System funktioniert wie folgt: Ein Bauunternehmer möchte seine Mitarbeiter ganz oder teilweise schwarz entlohnen. Dafür benötigt er Bargeld, das auf unauffälligem Wege beschafft werden muss. Jetzt kommen die so genannten Abdeck- oder Scheinfirmen ins Spiel. Sie stellen dem Unternehmer Rechnungen für Handwerkerleistungen aus, welche sie nie erbracht haben. Die Rechnungen werden trotzdem bezahlt, die Abdeckfirma hebt das Geld vom Konto ab und gibt es dem Unternehmer in Schein und Münze zurück. Im Regelfall allerdings nur circa 80 Prozent der Rechnungssumme, der Rest geht als Provision an die Scheinfirma, und – wie im hiesigen Fall – an den Makler. Dieses Vorgehen ist in der Baubranche weit verbreitet, die Dunkelziffer nicht unerheblich.

Die Firma M. wurde 2011 als Trockenbauunternehmen gegründet und ging nach Bekanntwerden der Vergehen 2020 in Insolvenz. Das Büro befand sich im Isenburger Norden. Der 55-jährige Geschäftsführer, sein Büroangestellter und zwei Scheinfirmeninhaber aus der Region wurden bereits in einem gesonderten Verfahren zu mehrjährigen Haft- beziehungsweise Bewährungsstrafen verurteilt. Diesem Verfahren lag ein Gesamtschaden von rund 3,8 Millionen Euro zugrunde.

Der Angeklagte ist gelernter Kfz-Mechaniker, war aber selbst auch als Bauarbeiter tätig. Bislang räumt er eine Vermittlungstätigkeit für zwei der mindestens ein halbes Dutzend Scheinfirmen ein. Für das Verfahren ist inzwischen Eile geboten: Ab fünf Jahren beginnt nach Vollendung der Haupttat die Verjährungsfrist für Steuerhinterziehung nach Paragraf 370 der Abgabenordnung.

Ein Zeuge wurde bislang gehört – der nun unter Bewährung stehende Offenthaler Büromitarbeiter der Firma M.. Er erklärt, den Angeklagten schon mindestens 20 Jahre zu kennen. „Er ist ein feiner Kerl“, sagt der 52-Jährige. Er wisse nicht, ob der Freund bei der Beschaffung der Abdeckrechnungen beteiligt gewesen sei. Sein Chef habe nie etwas dazu gesagt. „Ich bin davon ausgegangen, dass er sein Geld in Kroatien mit Bauträgergeschäften macht.“ Er selbst sei Werbegrafiker und habe mit der Baubranche eigentlich wenig zu tun. Der Bürojob sei eine Aushilfstätigkeit gewesen.

Auch wenn er wahrscheinlich „nur“ eine Bewährungsstrafe zu befürchten hat: Der halb in Kroatien und halb in Deutschland lebende Familienvater sitzt seit Ende Juli letzten Jahres wegen akuter Fluchtgefahr in Untersuchungshaft. Der Prozess soll noch bis mindestens Mitte Juni andauern.

Von Silke Gelhausen

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