Schüler versuchen sich als Anwälte

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Die Goetheschüler mit ihrer Lehrerin Evelyn Denke (rechts) und Erstem Stadtrat Stefan Schmitt. Fünf Tage lang haben sie sich in Polen intensiv mit internationalem Strafrecht beschäftigt und Gerichtsverhandlungen simuliert.

Neu-Isenburg ‐ Kann man einen Menschen dafür verurteilen, dass er das Leben von anderen opfert, um sich selbst und seine Familie zu retten? Mit solchen und ähnlichen Fragen haben sich acht Schüler des Goethe-Gymnasiums befasst, die an einem Planspiel in Polen teilgenommen haben. Von Katrin Stassig

Bei dem Projekt „Model International Criminal Court“ (MICC) haben sich die Jugendlichen mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit und internationalem Strafrecht auseinander gesetzt. Historische und aktuelle Verfahren des Internationalen Strafgerichtshofs haben sie modellhaft verhandelt. Und dabei festgestellt, dass sich diese Fälle oft nicht in Kategorien von Gut und Böse, Schwarz und Weiß einteilen lassen.

Die Initiative, an dem Projekt teilzunehmen, ist nicht von Lehrern, sondern von einer Schülerin ausgegangen. Vlatka Ilicic hatte einen Videoclip des MICC im Internet gesehen und daraufhin die Englisch- und Geschichtslehrerin Evelyn Denke angesprochen. Die Lehrerin war begeistert – gerade auch deswegen, weil die Schüler auf sie zugekommen sind und nicht umgekehrt. „Das war das beste Projekt, das ich während meiner Schulkarriere gemacht habe“, schwärmt Evelyn Denke noch im Nachhinein von der hohen Motivation ihrer Schüler. Unterstützung für die Teilnahme gab’s vom Förderverein, von der Stadt und von der Hochbegabtenförderung des Landes Hessen.

Mit dem Zug in den ländlichen Ort Krzyzowa

Vlatka Ilicic hat die Truppe zusammen getrommelt, die dann für eine Woche nach Polen gefahren ist. „Ich habe ein bisschen Chef gespielt“, erinnert sich die 18-Jährige, die später einmal Jura studieren und Anwältin werden möchte. Unabhängig von Freundschaften habe sie die Mitschüler angesprochen, von denen sie dachte, dass sie am besten passen. So hat sich eine Gruppe von vier Schülerinnen und vier Schülern aus den Jahrgangsstufen 12 und 13 im Alter von 16 bis 19 Jahren zusammen gefunden.

Mit ihrer Lehrerin Evelyn Denke sind sie mit dem Zug nach Krzyzowa gefahren, einem ländlichen Ort in der Nähe von Breslau. Gemeinsam mit den anderen Teilnehmern aus Deutschland, Polen und Weißrussland haben sie dort auf einem ehemaligen Landgut des Gutsherren von Moltke gewohnt.

Gemischte Gruppen mit Verteidigern und Angeklagten

Gleich bei der Ankunft haben sie Unterlagen für ihre Fälle bekommen: Aussagen von Angeklagten und Zeugen und geschichtliche Hintergründe. Bereits im Vorfeld waren die Schüler in gemischte Gruppen eingeteilt worden. Einige mussten als Verteidiger, einige als Ankläger, einige als Richter agieren. Auf Englisch haben sie mit den Polen und den Weißrussen zusammengearbeitet und schon vorab per E-Mail kommuniziert.

Vor Ort haben die Teilnehmer erst einmal ihre Heimat vorgestellt. „Besonders an die weißrussischen Süßigkeiten werden wir uns erinnern“, sagen die Goetheschüler. Auch die Isenburger haben den anderen Teilnehmern von der Hugenottenstadt, von ihrer Schule und den kulturellen Angeboten erzählt.

„Ein Monster, das menschliche Böse sein muss“

In den nächsten Tagen war aber in erster Linie harte Arbeit angesagt. Bis tief in die Nacht saßen die Jugendlichen über den Unterlagen und feilten an ihren Plädoyers.

Vlatka Ilicic musste sich mit dem Fall von Drazen Erdemovic befassen, der am Massaker von Srebrenica im Jugoslawienkrieg beteiligt war. „Im Vorfeld stellt man sich vor, dass das ein Monster, das menschliche Böse sein muss“, sagt Vlatka. Aber das Hintergrundmaterial wirft viele Fragen auf. Hat er aus freien Stücken entschieden? War er nur ein einfacher Soldat, der aus Angst um seine Familie gehandelt hat? Fragen, auf die es keine eindeutige Antwort gibt.

Die Schülerin Berit Linke musste den Fall des deutschen Großindustriellen Friedrich Flick vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal verhandeln und die Rolle des Verteidigers spielen. Die jungen Richter haben in diesem Fall eine deutlich höhere Strafe als in der Realität ausgesprochen. Statt sieben bekam Flick 20 Jahre Haft und eine horrende Geldstrafe aufgebrummt. Ein Urteil, über das die Schüler noch auf der Heimfahrt im Zug diskutiert haben.

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