Stadtquartier Süd

Isenburg plant sich neu

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Mitreden darf jeder, der will: Bürger und Planer nehmen sich Zeit, um gemeinsam in die Entwürfe einzutauchen.

Neu-Isenburg - Mitplanen heißt mitziehen. Und weil all die Ideen, all das, was da passieren könnte mit dem großen Filetstück im Herzen der Stadt, am Ende zuallererst die Menschen betreffen wird, sollen die Isenburger sich einmischen bei der Planung des künftigen Quartiers Süd: Von Barbara Hoven

Die Stadt hat sich am Wochenende mit einer Entwurfswerkstatt ausprobiert auf einem neuen Weg der Beteiligung. Das scheint zu funktionieren, wie die Schlange vermuten lässt, die sich am Freitagabend im Rathausfoyer bildet, weil die Leute sich auf einem Papier eintragen und dafür eine andere Liste in Empfang nehmen möchten. Neun Blatt hat die Zusammenfassung von Projektverlauf, Planungszielen und Entwürfen. Dazu gibt’s reichlich Grafiken. All das soll sich als hilfreich erweisen, als im 15-Minuten-Takt die Schlagworte der Phantasiebegabten durch den Stadtverordnetensitzungssaal schwirren.

Etwa 70 Leute hatten sich angemeldet, 150 sitzen nun tatsächlich da, um sich von sechs Planungsbüros deren Entwicklungsvorschläge fürs Quartier erläutern zu lassen. Drei Planer kommen aus Frankfurt, zwei aus Berlin, einer aus Kassel. Das beschert die erhoffte Vielfalt an Ideen, zu hören ist Interessantes und Neues, auch Vertrautes. (Kurze Skizze zweier Modelle: siehe Box). Ein Büro krempelt mit seiner Vision einer „Parkstadt“ samt autofreier Fußgängerzone zwischen dem Eingang des Isenburg-Zentrums und der Hugenottenhalle, dem S-Bahnhof der erhofften Regionaltangente West und dem neuen Quartier Süd gleich die halbe Stadt um. „Der mutigste Entwurf“, findet ein Bürger spontan. Am zweiten Tag wird sich zeigen, dass er für Diskussionen sorgt. Etwa in Sachen Verkehrskonzept, das überall besonders genau beäugt wird.

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Der Freitag bringt aber erstmal jenen einen unverhofften Moment, in dem eine schlechte Idee eindeutig erkennbar ist: Das Raunen in den Reihen verschafft einem Kasseler Planer die Sicherheit, dass bei Neu-Isenburgern kein Blumentopf mit dem Vorschlag zu gewinnen ist, einen Teil eines potenziellen Paradequartiers genau wie die berüchtigte Dietzenbacher Brennpunktsiedlung zu nennen. „Spessartviertel“? Nein, danke! Und über den diskutablen Rest erstmal schlafen.

Wie gefällt der Entwurf? Werner Göbl zeigt’s per Punktvergabe.

Samstagvormittag. Modelle, Grafiken und bunte Klebepunkte prägen den Saal. In jeder Ecke beugen sich Bürger und Planer an zusammengerückten Tischen über Entwürfe, sie lassen sich ein paar Stunden Zeit, um in die Materie einzusteigen. Mitreden darf, wer will, auch wenn das am zweiten Tag nicht mehr ganz so viele sind. Entscheiden dürfen die Bürger nicht. Das bleibt Recht und Pflicht der Stadtverordneten. Um aber möglichst viel Isenburger Bürgerwille zu hören, hat man sich allerhand einfallen lassen, damit kein Williger absäuft im Strom der unzähligen Infos. Wer Kommentare an den Präsentationsständen hinterlassen will, kann dafür Haftzettel nutzen. Für die Bewertung der Frage, wie gut welcher Vorschlag welches Planungsziel trifft, hat jeder bunte Punkte bekommen. Die vom Büro Landes und Partner vorgeschlagene Mischung von Wohnen und Arbeiten etwa gefällt Werner Göbl „gut“. Also fummelt er einen roten Punkt vom Klebestreifen und setzt ihn an der Tafel ins zweite Feld von links. Später zeigt sich: Das ging auch vielen anderen so. Der Entwurf, in dem sich alles um einen großen, zentralen (einer notiert „überdimensioniert!“) Platz dreht, setzt auf geschichtliche Bezüge. Da ist von einem Kino mit Stadtsaal die Rede, auch vom Wandel der ehemaligen Branntweinmonopolverwaltung zur Kulturstätte.

Bebauung Stadtquartier Süd in Planung

Im Stadtquartier Süd wird sich in den nächsten Jahren viel verändern. Bürger können sich bei einem Rundgang vor Ort ein Bild von den Plänen der Stadt machen.

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Mittags wird gelesen, durchgezählt, interpretiert. Und noch am Nachmittag gibt der Empfehlungsbeirat, dem neben Bürgermeister Herbert Hunkel, Erstem Stadtrat Stefan Schmitt und dem Architekten Dr. Frank Geelhaar Vertreter der Eigentümer des ehemaligen Agfa-Areals und der Flächen der Schnapswächter, Gerald Tschörner und fünf Architekten aus Isenburg angehören, auf Basis der Diskussion eine erste Einschätzung ab – einstimmige Empfehlungen für den Plan, weiter zu planen.

Dabei, betont Moderator Geelhaar, habe sich das vom Stadtparlament im November beschlossene Zielkonzept „bei der Erarbeitung der Entwurfskonzepte in allen wesentlichen Teilen als tragfähig und umsetzbar erwiesen und sollte deshalb Grundlage für die anstehende stadtplan-erische Arbeit sein“. Aufgabe des Beirats sei nun nicht, die von den Büros eingereichten Konzepte zu bewerten oder Preise zu verteilen. Vielmehr sei die Stadt nun in der glücklichen Lage, „dass sie sich die Rosinen rauspicken kann aus allen Ideen“.

Gleich nach der Entwurfswerkstatt lauten die ersten Empfehlungen des Beirats: Im Stadtquartier Süd sollen urbanes Wohnen und Arbeiten mit hohen ökologischen Standards realisiert werden. Ziel ist es, eine vielfältige Wohnkultur zu schaffen insbesondere auch in Form von Baugemeinschaften. Gewünscht ist ein ruhiges Wohnquartier entlang einer von Nord nach Süd verlaufenden öffentlichen Grünfläche. Insgesamt sollen nach der Vorstellung des Beirats 60 Prozent Wohnen auf 40 Prozent Arbeiten treffen, auch soll „dem Wunsch der Bürger nach ruhigerem Wohnraum Rechnung getragen werden“. Deshalb werden die gewerblichen Nutzungen an den Rand gedacht, vor allem entlang der Hugenottenallee. Fürs DLB-Gelände, das eine Art Insel darstelle und dessen Nutzung für den Beirat „für Wohnen nicht in Frage kommt“, wird eine gewerbliche Nutzung vorgeschlagen.

Güterbahnhofgelände als „kommunikative Freifläche“

Besonders am Herzen liegen vielen die historischen Gebäude der Monopolverwaltung. Der Beirat empfiehlt, diese zu erhalten. Anzustreben sei eine Nutzung mit öffentlichen, sozialen und kulturellen Einrichtungen sowie Markthalle, Café und ähnlichem. „Hier wird ein richtiger urbaner Treffpunkt entstehen“, glaubt der Rathauschef. Das Güterbahnhofgelände soll in den Außenbereichen am westlichen Ende bebaut werden und in den Innenbereichen als „kommunikative Freifläche“ mit Blick Richtung Stadt gestaltet werden. Darüber hinaus sollen die Wegebeziehungen in das nördliche Gebiet (Waldstraße und zum Isenburg-Zentrum sowie zur Frankfurter Straße) verbessert werden.

Um dieses etwa 15,4 Hektar große Areal zwischen Frankfurter Straße, Carl-Ulrich-Straße und Hugenottenallee geht’s: „Lebendige Mischung am Park“ heißt das Motto im Entwurf des Büros Albert Speer (Bild). Vor allem die Verknüpfung von Norden nach Süden durch einen großen Grünkeil in der Quartiersmitte kam beim Bürger gut an und wurde später auch vom Empfehlungsbeirat aufgegriffen.

Zur Erschließung des neuen Quartiers empfiehlt der Beirat ausgehend von der Schleussnerstraße nach Süden zwei parallele Straßen. In der Mitte dazwischen soll die „lineare öffentliche Freifläche liegen, mit Wegen für Fußgänger und Radfahrer, Freizeiteinrichtungen und vielleicht einem Platz“. Die neuen Straßen sollen ausschließlich den Nutzern des Gebietes dienen und keinen neuen Durchgangsverkehr anziehen; zwischen den Erschließungsstraßen ist nach dem Willen des Beirats gar kein Autoverkehr vorgesehen. Oftmals ist am Samstag auch der Vorschlag zu hören, den Verkehr im Wohngebiet durch zentrale Quartiersgaragen zu minimieren. Und wie geht’s nun weiter? Zunächst wird ein Gesamtkonzept erstellt, als Entscheidungsgrundlage für die Stadtverordneten. Die tagen am 20. März und reden über die Ergebnisse der Entwurfswerkstatt. Beschlossen werden sollen die Vorgaben für das weitere Vorgehen samt einer Vorzugsvariante für die weitere Planung dann am 24. April. Im Herbst könnte der Startschuss fallen für das Einarbeiten der Rahmenplanung in Bebauungspläne und Wettbewerbe. „Der in der Entwurfswerkstatt erarbeitete Konsens macht eine schnelle Umsetzung möglich“, zeigt sich Hunkel zuversichtlich.

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