Im Touri-Flieger zur Hilfe gejettet

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Mit Hunden wurde nach Verschütteten gesucht. Doch das Team, dem Schrod angehörte, konnte keine Menschenleben mehr retten.

Neu-Isenburg ‐ Es waren Bilder des Schreckens, die sich Rolf Schrod vor fast zwei Wochen boten. Der 46-jährige Techniker, der in der Hugenottenhalle arbeitet und auch für die Isenburger Feuerwehr tätig ist, war als Mitglied der Hilfsorganisation „@fire“ im Katastrophengebiet in Haiti im Einsatz. Von Enrico Sauda

Zu dem Schlimmsten, das ich gesehen habe, gehörten abgetrennte Leichenteile, die von Gebäuderesten hingen“, erinnert sich der Vater einer sechsjährigen Tochter. „Doch wenn man dort ist, konzentriert man sich gleich auf seine Aufgabe.“ Und die bestand für ihn darin, „Menschen lebend aus Trümmern zu retten. Doch leider konnten wir niemanden mehr lebendig retten“.

Schrod gehört seit zwei Jahren zum Verein „@fire“ und dies war sein erster Auslandseinsatz für diese Organisation. Zuvor hatte er bei zwei Waldbrandbekämpfungen in Kroatien und Utah geholfen. „Der zentrale Alarm von ‚@fire‘ kam um 8.31 Uhr am Tag nach dem Erdbeben per SMS“, erinnert sich Schrod.

Die Voraussetzung für seinen Einsatz war im Vorfeld die Teilnahme an Grundlehrgängen für Auslandseinsätze in den Bereichen Brandbekämpfung sowie Suchen und Rettung Verwundeter.

Schrod zeigt die in Haiti gemachten Fotos.

Das Rettungsteam, das sich am 14. Januar von Deutschland aus Richtung Katastrophengebiet aufmachte, umfasste auch Helfer des Medizinischen Katastrophenhilfswerks Deutschland und des Deutschen Rettungshunde- Vereins. Zur Gruppe gehörten 22 Helfer, die mit einem Touristenflieger zuerst nach Punta Cana in der Dominikanischen Republik flogen. „Air Berlin hatte Plätze in einem Flug für uns und die rund drei Tonnen Ausrüstung bereit gestellt“, berichtet Schrod.

Von dort ging es für die Helfer, zu denen auch fünf Hunde gehörten, nicht gleich ins Einsatzgebiet, sondern erst zu einem Zwischenstopp in der Dominikanischen Hauptstadt Santo Domingo. „Der Transport war nur mit gesicherten Konvois möglich, und an diesem Tag war der letzte bereits abgefahren; wir mussten bis zum nächsten Tag warten.“

Ein Gebiet von der Größe des Buchenbuschs

In der Hauptstadt Port-au- Prince gehörten sie zu 67 so genannten Usar-Teams aus aller Welt. „Usar“ ist die Abkürzung für die Suche und Rettung Verwundeter („Urban Search and Rescue“). „Unser Einsatz war ein kleines Rädchen in einem ganz großen Getriebe“, berichtet Schrod nüchtern. Am ersten Tag kümmerten sie sich um ein Universitätsgelände sowie um ein Areal, auf dem eine Näherei gestanden hatte, in der rund 400 Leute gearbeitet haben, von denen noch zwei vermisst wurden. Schließlich hatte die Erde um 16.53 Uhr Ortszeit - 22.53 Uhr hiesiger Zeit - gebebt.

Der Neu-Isenburger beschreibt den Einsatz: „Zuerst begann das Hundeteam mit seiner Arbeit, später setzten wir ein Bio-Radar ein.“ Doch weder die einen noch die anderen stellten „Leben fest“, obwohl die Hunde zweimal angeschlagen hatten. „Wir mussten den Einsatz um 15.30 Uhr abschließen, weil es schlagartig dunkel wird und die UN, die vor Ort alles organisierte, nicht für unsere Sicherheit garantieren konnte,“ zumal das Beben auch ein Gefängnis zerstört und etliche Tausend Häftlinge freigesetzt hatte. „Die hatten aber auch nichts und waren genauso hilf- und machtlos wie die anderen Betroffenen“, so Schrod.

Am zweiten Tag durchkämmte die Gruppe ein Gebiet von der Größe des Buchenbuschs. „Wir nahmen Kontakt mit den Menschen auf, um zu erfahren, ob irgendwo noch jemand verschüttet war“, erzählt er. Doch auch an diesem Tag blieb die Suche nach Überlebenden in den Trümmern ohne Erfolg. Trotzdem: „Die Leute dort waren sehr glücklich, uns als Ansprechpartner zu haben.“ Den letzten Tag verbrachten sie in Bereitschaft. Trotzdem bestand für das Team die Möglichkeit zum Helfen. So berichtet Schrod von einem Arzt, der mitgeflogen war und der im Zelt kleinere, aber dringend nötige Operationen ausführte. In den Tagen, in denen Schrod auf Haita war, gelang es den Helfern, insgesamt 132 Verschüttete zu retten.

Bürgermeister und Erster Stadtrat zeigten sich angetan

Mit einer belgischen Militärmaschine ging es dann zurück gen Heimat - mit Zwischenstopp in Brüssel. Dort standen eine Besprechung des Einsatzes sowie Hilfe durch die Bundesvereinigung Stressbewältigung auf dem Programm. Doch nicht nur die Helfer vor Ort auf Haiti erhielten Hilfe, „es gab sechs Leute, die sich um die Verwandten in der Heimat gekümmert haben“, weiß Schrod. Seine Lebensgefährtin wusste allerdings immer Bescheid, wie es ihm ging. „Wir hatten ein Satellitentelefon und konnten mit Zuhause Kontakt halten.“

Die Hilfsanfrage kam so plötzlich, dass Schrod, der für die Stadt arbeitet, keine Zeit hatte, einen Freistellungsantrag zu stellen. Doch Bürgermeister Oliver Quilling und Erster Stadtrat Herbert Hunkel zeigten sich von dem Einsatz sehr angetan und der Rathauschef versicherte: „Seinen Urlaub wird er dafür nicht opfern müssen.“

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