Erinnerungen an die Gründung der Hans-Christian-Andersen-Schule vor 50 Jahren

Turbulenter Auftakt für Grundschule in Neu-Isenburg

Schulleiterin Meike Claus hilft Rayan beim Basteln der Prinzessin auf der Erbse. In der Jubiläumswoche beschäftigen sich die Grundschüler mit den Märchen Andersens.
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Schulleiterin Meike Claus hilft Rayan beim Basteln der Prinzessin auf der Erbse. In der Jubiläumswoche beschäftigen sich die Grundschüler mit den Märchen Andersens.

Ein drohender Schulstreik, das Ringen der Anwälte und bundesweites Aufsehen rund um den Trubel der fensterlosen Schule: Der Start der Hans-Christian-Andersen-Schule Anfang der 1970er Jahre war alles andere als einfach. Umso schöner, dass die Grundschule in der Gartenstraße heute so bunt und lebendig ihren 50. Geburtstag feiern kann.

Neu-Isenburg - Schon die Planung der beiden dringend benötigten Schulen (die inzwischen abgerissene Wilhelm-Hauff-Schule war baugleich) war kompliziert – denn die Gebäude in Fertigbauweise waren nicht wie geplant zum Schuljahresbeginn 1970/71 fertig. Als im Oktober 1970 die Außenwände der vom renommierten Darmstädter Architekten Professor Gerd Fesel geplanten Schule gestellt wurden, war der Aufschrei riesig: Die Außenwände hatten kaum Fenster, lediglich große Glastüren führten aus jedem Klassenraum raus auf den Schulhof. Dafür hatte das Gebäude – wie heute auch noch – große Glasfronten in das Innenleben und ausreichend Licht kommt aus einem Lichthof, der wie ein Atrium in der Mitte der Schule liegt. Ein Entwurf, der von Architekten bundesweit gefeiert wurde. Was Pädagogen und Mediziner als vorteilhaft für die Lernkonzentration und Abschottung gegen den Verkehrslärm erachteten, waren für die Eltern „Lichtschlitze ohne Luft und Leben“. Sie befürchteten gesundheitliche Schäden für ihre Kinder. Es gab größten Widerstand.

Claudia Lack, heute im Isenburger Rathaus für das Stadtarchiv und das Ehrenamt verantwortlich, kann sich gut erinnern. Denn sie war eines der Kinder, die 1970/71 eigentlich in das neue Gebäude, die „fensterlose Schule“ eingeschult werden sollten. „Es war ein erbitterter Kampf der Eltern gegen den Schulträger. Für uns Kinder bedeutete das, dass wir zunächst in die Brüder-Grimm-Schule eingeschult wurden, was für Erstklässler unter den vielen ‘Großen’, es ist ja eine weiterführende Schule, nicht schön war.“ Am Ende der vielen Diskussionen, Elternversammlungen, sogar Androhungen auf Schulstreik, Gutachten und Begehungen mit Eltern und Politikern hatte Landrat Walter Schmitt (SPD) schließlich den längeren Atem und die Hans-Christian-Andersen-Schule wurde im Mai 1971 – vor 50 Jahren – bezogen.

„Wir Kinder waren begeistert von unserer neuen Schule. Sie war offen, schön, einladend, die Türen ließen sich nach außen öffnen und wir konnten wegen der bodentiefen Türen selbst im Sitzen immer nach draußen sehen. Auch konnten wir den Klassenraum einfach durch das Öffnen der Tür verlassen. Das Areal erschien uns riesig“, erinnert sich Claudia Lack gerne und beteuert, dass sie keinesfalls Schaden genommen habe. „Ich habe nur sehr gute Erinnerungen an meine Grundschuljahre und an meine tolle Klassenlehrerin Regina Jerke“, sagt die Stadtarchivarin. Diese Schule habe die Kinder eingeladen, zu lernen und ihr immer das Gefühl gegeben, willkommen zu sein.

In den kommenden Jahren wuchs die HCAS beständig. Irgendwann wurden zu den bodentiefen Türen auch tatsächlich in jeden Klassenraum noch zu öffnende Außenfenster nachträglich eingebaut. Ein Pavillongebäude ergänzte den steigenden Bedarf an Räumen und in diesem Sommer kommen vier weitere Klassenräume auf dem Schulhof dazu, weil die Grundschule vierzügig wird. Schulleiterin Meike Claus, seit etwas über einem Jahr die Chefin des 27-köpfigen Kollegiums und der 290 Kinder, bedauert es natürlich, dass das Jubiläum in Pandemie-Zeiten nicht so richtig gefeiert werden kann. Die Jungen und Mädchen beschäftigen sich aber in dieser Woche mit Hans-Christian Andersen und seinen Märchen, basteln Schaukästen zur kleinen Meerjungfrau und entzückende 3-D-Bilder zur Prinzessin auf der Erbse. „Damit wir doch ein bisschen Jubiläum nach außen tragen können, werden wir die Arbeitsergebnisse aus unserer Projektwoche auf den Rückseiten der ehemaligen Wahlplakate von SPD und Grünen, die wir als Spende bekommen habe, am Schulzaun ausstellen“, kündigt Claus an. Auch das Schullogo „Das hässliche Entlein“ wird die Grundschüler besuchen und mit ihnen einen Rundgang durchs Gebäude machen.

Schule habe sich in fünf Jahrzehnten erheblich verändert, erklärt die Rektorin. „Die Mentalität der Schüler ist heute anders, die Erziehungsmethodik der Lehrer freier und wir gehen heute viel mehr auf die Individualität der Kinder ein. Das ist eine Herausforderung, der wir uns gerne stellen, denn die Lernvoraussetzungen der Kinder ist sehr unterschiedlich, wenn sie bei uns im ersten Schuljahr ankommen“, erläutert die Schulleiterin.

Geburtstag zu haben, ist auch für eine Schule schön, die ersten Geschenke sind schon eingetrudelt. Eine große Spende der Caixa-Bank ermöglicht die Umgestaltung des Außengeländes: Grün und bienenfreundlich soll es in den kommenden Monaten auf dem Schulhof werden. Claus hofft, dass dort im nächsten Jahr der Geburtstag gefeiert werden kann.

Von Nicole Jost

Herbert Becker und Bürgermeister Hans-Erich Frey bei einer Einschulung in den 1970er Jahren. Im Hintergrund sind die Scheiben der Klassenräume ins Schulinnere zu sehen.
Stadtarchivarin Claudia Lack (links) gehörte zu dem ersten Jahrgang Kinder, der im Mai 1971 in die so umstrittene „fensterlose Schule“ eingeschult wurde.

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