Leiter Thomas Peter-Horas zur aktuellen Situation

Verstärkt digitale Formate in der Neu-Isenburger Musikschule

Da derzeit keine Konzerte oder Vorspiele möglich sind, hat die Musikschule eine Reihe mit „Minikonzerten“ auf ihrem Youtube-Kanal gestartet, um den Schülern eine Möglichkeit zu geben, ihr Können zu präsentieren. Die Serie – hier ein Videobeitrag des Chores Happy Voices – kommt gut an und soll fortgesetzt werden. screenshot: privat
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Da derzeit keine Konzerte oder Vorspiele möglich sind, hat die Musikschule eine Reihe mit „Minikonzerten“ auf ihrem Youtube-Kanal gestartet, um den Schülern eine Möglichkeit zu geben, ihr Können zu präsentieren. Die Serie – hier ein Videobeitrag des Chores Happy Voices – kommt gut an und soll fortgesetzt werden. screenshot: privat

Die Pandemie stellt auch die Musikschulen vor große Herausforderungen. Die Einrichtung in Neu-Isenburg hat die Möglichkeit genutzt, digitale Angebote weiter auszubauen. Kopfzerbrechen bereitet die finanzielle Situation, wie Leiter Thomas Peter-Horas in einem Interview mit unserer Zeitung berichtet.

Herr Peter-Horas, in normalen Zeiten würde man diese Frage so vermutlich nicht stellen: Wie geht es der Musikschule?

Wäre die Musikschule ein Patient mit einer schwerwiegenden Erkrankung, würde ich sagen, „den Umständen entsprechend gut“. Natürlich hatten und haben die coronabedingten Einschränkungen teilweise dramatische Auswirkungen auf unsere Arbeit, was sowohl die Schüler:innen, als auch die Beschäftigten betrifft. An der Musikschule wird ein überdurchschnittlich hoher Anteil des Unterrichts von festangestellten Lehrkräften erteilt, für die wir Kurzarbeit beantragen konnten. Etwa die Hälfte unserer Unterrichtsstunden wird allerdings von freien Mitarbeitern bzw. Honorarlehrkräften erteilt. Das sind die berühmten „Soloselbstständigen“, die bisher in Bezug auf die staatliche Unterstützung ziemlich schlecht weggekommen sind. Bisher hat es die Musikschule geschafft, diese Mitarbeiter mit Ausfall- und Sonderhonoraren über Wasser zu halten. Da auf der anderen Seite auch sehr viele Einnahmen weggebrochen sind, wird es allmählich schwierig.

Wie sieht es denn mit den Ensembles und der Arbeit mit den Chören aus?

Das Angebot im Bereich der Ensembles, Gruppen und Kurse ist mit dem ersten Lockdown im März 2020 weitgehend zusammengebrochen. Als im Sommer die Infektionszahlen zurückgingen, wurde die Situation vorübergehend etwas entspannter, doch das gemeinsame Singen und Proben von größeren Ensembles ist bis heute nicht möglich. Da die Teilnahme an Ensembleangeboten für Instrumentalschüler der Musikschule meist kostenfrei ist, halten sich die finanziellen Folgen in überschaubaren Grenzen. Ganz anders sieht es bei den Kursen „Musikalische Früherziehung“ aus, die unter normalen Umständen in den meisten Kindergärten der Stadt angeboten werden. Die Einnahmen aus diesen Kursen, die zur Zeit nur sehr eingeschränkt durchgeführt werden können, sind für die Finanzierung der Musikschule von allergrößter Bedeutung.

Wie sehr fehlt Ihnen und den Schülern das gemeinsame Musizieren?

Ein großer Vorteil der Musikschule ist, dass unter normalen Umständen ganz viele Möglichkeiten zum gemeinsamen Musizieren in Gruppen, Bands, Orchestern und Chören angeboten werden. Das ist zum Beispiel ein wesentlicher Unterschied zum privat organisierten Einzelunterricht am Instrument. Schon im Duett mit nur einem weiteren Musiker spürt man, dass es etwas Besonderes ist, Teil einer musizierenden Gemeinschaft zu sein. In einem Chor oder Orchester mitzuwirken, ist – ganz abgesehen vom sozialen Aspekt – ein ganz unvergleichliches musikalisches Erlebnis, das durch nichts zu ersetzen ist: Ja, das gemeinsame Musizieren fehlt uns allen!

Um den Betrieb aufrecht zu erhalten, ist die Schule mit zig Ideen auf digitale Wege ausgewichen, die Digitalisierung ist spürbar vorangeschritten ...

Schon beim ersten Lockdown konnten wir sehr schnell auf die Einschränkungen reagieren: Die Nachricht über die Schließung der Musikschulen kam am Freitag, 13. März, und bereits am Montag wurden die ersten Online-Unterrichtsstunden erteilt. Da die Tonqualität in Videokonferenzen oft miserabel ist, wurden auch Videoaufnahmen zwischen Lehrkräften und Schülern ausgetauscht, die eine bessere Beurteilung ermöglichen. In der Zwischenzeit ist der Einzel- und Kleingruppenunterricht in Präsenz wieder erlaubt. Trotzdem spielt der Onlineunterricht nach wie vor eine wichtige Rolle, wenn zum Beispiel Schüler in Familien mit Risikopatienten leben oder in Quarantäne sind. Als sich nach den Osterferien 2020 herausstellte, dass die Sache wohl länger dauern würde, mussten Lösungen für die „Musikalische Früherziehung“ gefunden werden. Unsere erste Idee waren kleine Lern- und Mitmachvideos für die jüngsten Mitglieder, die von Lehrkräften produziert wurden. Diese Videos wurden ab Juni auf unserem Youtube-Kanal veröffentlicht; parallel dazu wurde das dazugehörige Unterrichtsmaterial auf unserer Internetseite zum Download zur Verfügung gestellt. Seit Herbst wurden dann erste Kurse in Form von Videokonferenzen angeboten. Gegenüber den Lern- und Mitmachvideos gibt es hier den großen Vorteil, dass die Teilnehmer und die Lehrkraft interaktiv ins Geschehen eingreifen. (siehe auch Artikel links; Anmerkung der Redaktion). Um den Kindern und Jugendlichen trotz des Veranstaltungsverbotes eine Plattform zu bieten, haben wir im Herbst 2020 die Reihe der „Minikonzerte“ auf unserem Youtube-Kanal begonnen. Unser erster Versuch war der Kanon „Finster, finster“, den der Chor eingesungen hat. Die Stimmen wurden einzeln zu Hause eingesungen, ich habe das dann zusammengefügt. Das Ergebnis kann sich durchaus hören lassen. In der ersten Dezemberhälfte nahm die Produktion der Minikonzerte richtig Fahrt auf und wir konnten vor Weihnachten immerhin 13 Videos mit kleinen Beiträgen unserer Instrumentalschüler veröffentlichen. Die Videos wurden innerhalb von zwei Wochen über 3000 Mal aufgerufen.

Auch vor Ostern wird es wieder Minikonzerte geben: Gerade wurden drei neue Videos veröffentlicht, in denen unter anderem die Musiker vorgestellt werden, die beim Landeswettbewerb „Jugend musiziert“ erfolgreich waren. Ein Besuch des Youtube-Kanals der Musikschule lohnt sich! Um das alles möglich zu machen, wurde die technische Infrastruktur in der Musikschule verbessert: So wurde unser WLAN-Netz so ausgebaut, dass in allen Räumen qualitativ hochwertige Videokonferenzen möglich sind.

Trotz der vielen neuen Ideen sind ja wegen der Pandemie viele Angebote und Veranstaltungen zur Zeit nicht möglich – und damit fallen auch Gelegenheiten weg, Gelder zu generieren. Wie sieht es denn mit den Finanzen aus?

Die Zahl unserer Schüler ist im vergangenen Jahr um knapp 25 Prozent zurückgegangen. Der Rückgang betrifft ausschließlich den Bereich Kurse und Ensembles. Der Instrumentalbereich ist nicht zuletzt wegen der guten Online-Angebote stabil geblieben. Da die meisten Kurse „Musikalische Früherziehung“ ausfallen mussten, sind die Einnahmen aus den Unterrichtsentgelten um rund zwölf Prozent zurückgegangen. Außerdem fehlen uns die Spenden, die wir normalerweise bei unseren zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen sammeln.

Die Einnahmeverluste konnten bisher durch Rücklagen und verbesserte Zuschüsse von Kommune und Land zum Teil aufgefangen werden. Trotzdem müssen wir nach Wegen suchen, die finanzielle Situation der Musikschule stabil zu halten. Eine Maßnahme ist zum Beispiel das verstärkte Bemühen um Spendeneinnahmen. So haben wir auf unserer Internetseite einen Spenden-Button eingerichtet, über den man mit wenigen Klicks eine Spende an die Musikschule veranlassen kann. Die Musikschule ist ein gemeinnütziger Verein und kann selbstverständlich auch Spendenbescheinigungen ausstellen.

Zum Abschluss ein kurzer Blick in die Glaskugel: Welchen Stellenwert hat aus Ihrer Sicht Online-Unterricht für den Musikschul-Betrieb der Zukunft?

Selbstverständlich wird die Pandemie die Arbeit der Musikschulen verändern – so wie alle Bereiche des öffentlichen Lebens sich verändern werden. Digitale Formate werden viel häufiger unseren Berufsalltag bestimmen und wir werden damit offensiv umgehen müssen. Ein ganz wesentlicher Aspekt unserer Arbeit ist das gemeinsame Musizieren, für das es – zumindest in absehbarer Zeit – keine digitale Alternative gibt. Natürlich ist der Präsenzunterricht die ideale Form, um ein Instrument zu erlernen. Doch der Online-Instrumentalunterricht hat nicht nur Nachteile. Ich beobachte zum Beispiel bei vielen Schülern ein größere Konzentration und Aufmerksamkeit. Wir als Lehrkräfte müssen uns um große sprachliche Genauigkeit bemühen, da die nonverbale Kommunikation nur bedingt stattfindet. Wir müssen also besser erklären, was wiederum voraussetzt, dass wir uns vorher genau überlegt haben, was wir sagen und wie wir es sagen wollen. Aber das ist ja kein Nachteil.

Das Gespräch führte

Barbara Hoven

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