Viel Applaus für Wallraff

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Günter Wallraff mal ungeschminkt. Der Enthüllungsjournalist war schon als Obdachloser, als Gastarbeiter Ali und als Schwarzer in Deutschland unterwegs. Vor 270 Zuschauern erzählt er in der Hugenottenhalle von seinen Recherchen.

Neu-Isenburg ‐ Zum Thema Thilo Sarrazin hat Günter Wallraff eine sehr eindeutige Meinung. Von Katrin Stassig

Die „rassistisch eingefärbte Diskussion“, die das Buch des geschassten Bundesbank-Vorstands hervorgerufen hat, findet er „zum Kotzen“. Das Publikum in der Hugenottenhalle scheint mit Wallraff einer Meinung zu sein, denn es bedenkt seine Äußerungen immer wieder mit spontanem Applaus.

Der Enthüllungsjournalist war auf Einladung von Stadtbibliothek, Integrationsbüro und Hugenottenhalle nach Isenburg gekommen. Die Lesung am Montagabend fand im Rahmen der Woche der Toleranz und Mitmenschlichkeit statt.

„Übermächtige Beachtung für das Buch eines knochentrockenen Menschen“

„Das Thema Integration beschäftigt uns natürlich 52 Wochen im Jahr“, betont die Integrationsbeauftragte Paola Fabbri Lipsch in ihrer Begrüßung. Selten jedoch sei darüber so stark diskutiert worden wie in den vergangenen zehn Tagen – dafür habe Sarrazins Buch gesorgt. Die Woche der Toleranz biete mit ihren vielen Veranstaltungen die Möglichkeit, „sich ein eigenes Bild zu machen“.

Das Stichwort Sarrazin greift Wallraff auf und kritisiert die „übermächtige Beachtung für das Buch eines knochentrockenen Menschen“. Er attestiert ihm „Wirklichkeitsverlust“, er berufe sich nur auf Statistiken. „Es gibt Probleme, klar“, räumt Wallraff ein. Deutschland sei ein Einwanderungsland, was von Politikern jahrzehntelang geleugnet worden sei.

Besonders gut vorbereitet war die Klasse 9a der Goetheschule

Den alltäglichen Rassismus, dem Menschen aus anderen Kulturen ausgesetzt sind, hat der investigative Journalist am eigenen Leib erfahren und in seinen Reportagen und Büchern bloßgestellt. Ein Jahr lang war er als Schwarzer mit versteckter Kamera in Ost- und West-Deutschland unterwegs. Er geht auf Wohnungssuche, spricht bei Behörden vor oder begibt sich unter Fußballfans und damit fast in Lebensgefahr.

Gut zwei Stunden fesselt Wallraff die 270 Zuhörer in der Hugenottenhalle mit Erzählungen von seinen Recherchen. Besonders gut auf den Abend vorbereitet hat sich die Klasse 9a der Goetheschule. Die Jugendlichen haben mit ihrer Lehrerin Yvonne Wiser das Buch „Aus der schönen neuen Welt“ gelesen und Fragen gesammelt.

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