MATINEE ZUM 3. OKTOBER Beeindruckende Lesung mit Peter Gülke

Von sozialistischen Noten

Es ging darum, mit dem Druck der Gegenwart umzugehen.
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Es ging darum, mit dem Druck der Gegenwart umzugehen.

Neu-Isenburg – Zur traditionellen Matinee der Stadtbibliothek am Tag der Deutschen Einheit las Peter Gülke in der Isenburger Hugenottenhalle aus seinem Buch „Mein Weimar“. Der Dirigent, Musikwissenschaftler und Schriftsteller verließ seine Geburtsstadt einst Richtung Westen. Nach der Wende kehrte er zurück. In beeindruckenden Worten erinnerte er an die Unterdrückung in der ehemaligen DDR.

Der Generalmusikdirektor bekam 1982 in Folge einer Konzertreise in die Bundesrepublik mit der Staatskapelle Weimar Ärger mit der Stasi. Orchestermitglieder waren im Westen geblieben. Gülkes Frau hatte ihrem Mann nach den Verhören und vor dessen Engagement in Hamburg mit auf den Weg gegeben, „hier will ich Dich nicht mehr sehen“.

Peter Gülke erzählt, wie er von der Bundesrepublik nach West-Berlin nur mit dem Flugzeug reisen konnte. Seine Frau hatte ein Behördenvertreter aufgeklärt: „Ihr Mann soll wieder kommen. Nach acht Jahre Zuchthaus haben Sie ihn wieder“. Gülke beschreibt, wie er bei klarem Wetter im Flieger nahe Weimar zuerst den Ettersberg sieht, auf dem die Nazis das KZ Buchenwald errichteten. Der Republikflüchtling phantasiert, was eben auf den heimatlichen Straßen passiert, ob seine Tochter gerade dort spielt. Gülke wusste, „ich gelte hier als Verbrecher, ich werde Weimar nie mehr sehen“.

Der 86-Jährige erwähnt auch die Jahre im Nationalsozialismus, als seine Eltern sich hüteten, die Kinder ihre Aversion gegen das Regime nur spüren zu lassen, „mussten sie doch fürchten, dass wir uns verplapperten, wenn wir wüssten, was sie dachten“. Geboren 1934, gehört Gülke einem „Weißen Jahrgang“ an: zu jung für die Wehrmacht, zu alt, um nach einem Jahrzehnt deutscher Militärpause in NVA oder Bundeswehr zu landen. Den Krieg erlebte Gülke dennoch.

Im Jahr 1952 bestand er das Abitur. Moderator Christoph Neumann, Neu-Isenburgs bekanntester Buchhändler, spricht von den Lehrern in der DDR, die erst das Hohelied auf den Sozialismus sangen und dann das Grundgesetz erklärten. Von Gülke will Neumann wissen, ob er ähnliches erlebte, „mit Nazi-Lehrern, die dann dem Sozialismus das Wort redeten“. Gülke bejaht, erklärt jedoch, warum biografische Brüche kein Thema waren, „es ging darum, mit dem Druck der Gegenwart umzugehen“.

Die Repression im DDR-Alltag skizziert der Dirigent anhand der Forderung eines Funktionärs, im Hinblick auf eine Aufführung der 7. Beethoven-Sinfonie sollte Gülke eine vom Geist des Sozialistischen Realismus’ getragene Analyse des Werks fabrizieren. Der Dirigent erklärte sich einverstanden, „wenn Du mir erklärst, was an einer Achtelnote sozialistisch sein kann“.

Und es gab den Parteisekretär, auch an der Oper in Weimar. In der DDR habe sich das Talent entwickelt, „zu wittern, wem du was sagen kannst“. Der Parteisekretär, gleichzeitig Sänger des Nationaltheaters, habe in der Kantine vergeblich versucht, mit Witzeleien über SED-Interna Vertrauen zu gewinnen. Der Operntenor habe selbst auf der Bühne gewirkt, „als blicke er ständig nach der Gefahr“. Mitunter habe sein Charakter blendend zur Rolle gepasst, „wenn er etwa den Polizeiagenten Spoletta in Puccinis Tosca sang“.

Ein Jahr nach Gülkes Übertritt in den Westen, ließen die DDR-Behörden Frau und Tochter übersiedeln. Die Gattin war einst der Liebe wegen von West nach Ost gezogen.

Am Ende dankt Bürgermeister Herbert Hunkel dem Kulturdezernenten Theodor Wershoven, der nach der nächsten Kommunalwahl aus dem Amt scheidet und seine Matinee-Eröffnungsrede zum letzten Mal hielt. Bibliotheksleiterin Dr. Annette Wagner-Wilke verteilt an die Protagonisten des Morgens Geschenke. Yuanzhen Sun spielt zu Beginn der Matinee Beethovens Rondo „Die Wut über den verlorenen Groschen“.

Von Stefan Mangold

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