Eritreer ergänzt Technikteam im Kempinski

Erste Flüchtlinge fassen im Arbeitsmarkt Fuß

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Bei ihm hat’s geklappt: Der 34-jährige Ghebru Gebreyesus aus Eritrea hat einen Arbeitsvertrag im Kempinski-Hotel bekommen, zu seinen ersten Aufgaben gehört das Anbringen der Weihnachtsdeko. Über die Zusammenarbeit freuen sich auch der bei der Stadt für Flüchtlinge zuständige Alexander Gerstenberger-Vogt (links), Hoteldirektorin Karina Ansos und Bürgermeister Herbert Hunkel.

Neu-Isenburg - Noch sind es einzelne Neuankömmlinge, die im Isenburger Arbeitsmarkt Fuß fassen konnten. Das Kempinski beispielsweise ermöglicht einem jungen Eritreer die Festanstellung. Es gibt etliche weitere Initiativen von Unternehmen. Von Barbara Hoven

Auch die Alten- und Pflegeheime der Stadt haben sich im Verbund vorgenommen, Flüchtlinge für eine Ausbildung ab Herbst 2016 zu interessieren und „fit zu machen“. Ghebru Gebreyesus sieht glücklich aus. Er darf sich seit einigen Tagen offiziell Angestellter nennen. Davor wurde er zwei Jahre lang stets als Flüchtling oder Asylbewerber bezeichnet. Der 34-Jährige gehört nun zum zwölfköpfigen Technikteam im Kempinski-Hotel. Einfach war sein Weg dorthin nicht.

Er kommt aus Eritrea, zwei Jahre hat er sich durchgeschlagen bis nach Deutschland. Er floh unter anderem vor dem martialischen Militärdienst in einem Land, wo das Regime junge Menschen lieber ins Militärlager oder – weil Gebreyesus zu seinem Glauben stand und nicht auf die Bibellektüre verzichten wollte – ins Gefängnis pfercht, als sie zur Schule oder in eine Berufsausbildung zu schicken. Also Flucht: Erst Sudan, dann durch die Sahara, später im offenen Kahn mit etwa 200 Menschen nachts vom Hafen von Tripolis aus Richtung Lampedusa.

Ende 2013 kam er in Deutschland an – man schickte ihn zum Bundesamt für Asyl nach Gießen. Schließlich Neu-Isenburg, wo er nun seit knapp zwei Jahren lebt. In Isenburg angekommen, sei das Glück in ihm hochgestiegen, „so ein Gefühl hatte ich seit Jahren nicht mehr verspürt“, hat Gebreyesus bereits vergangenes Jahr bei einem bewegenden Abend in der Marktplatzgemeinde erzählt, an dem es um Heimat, die Gründe seiner Flucht und den schweren Weg, den er gehen musste, ging.

Gebreyesus überstand die Strapazen der Flucht. Der junge Mann fand zunächst im Hotel Central eine Zuflucht, mittlerweile lebt er mit 18 Menschen in einer Wohnung an der Beethovenstraße, eine Art WG. Der Protestant erzählt, er habe neue Freundschaften geschlossen, habe viele Wegbegleiter bei der Marktplatzgemeinde. Schon im vergangenen Jahr hatte er betont, in der Stadt bleiben und eine Ausbildung machen zu wollen – wenn er denn dürfte. Ghebru Gebreyesus nutzte die Zeit, um Deutsch zu lernen, auch ein einmonatiges Praktikum bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewobau hat er absolviert. Und jetzt hat es endlich geklappt: Er kann sein eigenes Geld verdienen, sich eine Zukunft aufbauen.

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In der Lobby der für rund 40 Millionen jüngst frisch aufpolierten Gravenbrucher Nobelherberge Kempinski sitzt Gebreyesus nun an diesem Novembervormittag in großer Runde zwischen Hoteldirektorin Karina Ansos, Bürgermeister Herbert Hunkel, Alexander Gerstenberger-Vogt, der bei der Stadt zuständig ist für die Aufnahme und Unterbringung der Flüchtlingen, sowie einigen Pressemenschen. Leise, aber schon in recht flüssigem Deutsch sagt er: „Ich bin glücklich in Neu-Isenburg, die Stadt ist ein guter Platz für mich, denn ich habe eine Zukunft hier gesehen.“ Wenn der 34-Jährige gefragt wird, was er vermisse, antwortet er: „Es fehlt mir meine Familie.“ Die Eltern sind verstorben, drei Geschwister leben noch in Eritrea. An den Job im Kempinski kam Gebreyesus über die Stadt. Die Wirtschaftsförderung arbeite auch bezüglich der Hilfe für Flüchtlinge eng mit den Unternehmen zusammen, betont Bürgermeister Herbert Hunkel.

Hotelchefin Ansos hat Gebreyesus eine Chance gegeben – und sie wirkt nach den ersten Tagen ebenfalls zufrieden: „Schon beim Probearbeiten war für mich toll zu sehen, wie gut das Zusammenspiel mit dem Team klappt.“ Außerdem sei es klar, dass sich die Internationalität eines Hauses wie Kempinski auch in der Mitarbeiterschaft widerspiegele – „das erwarten die Gäste auch“. Im Hotel gebe es Kollegen aus der Türkei, Slowenien oder Italien, auch von einem Schwesterhotel in China komme bald jemand her.

Gebreyesus gehört nun zum Technikteam, meist fährt er von der Kernstadt aus mit dem Rad zur Arbeit. Die Aufgaben seien saisonbedingt, erläutert Gabriele Gath, die Technische Leiterin des Luxushotels. Derzeit müsse die Außenanlage für den Winter vorbereitet und die Weihnachtsdeko angebracht werden, „da ist Ghebru fest mit eingebunden“. Sein Arbeitsvertrag läuft zunächst über sechs Monate, eine Verlängerung sei aber ausdrücklich willkommen; Arbeit gebe es rund ums Hotel immer reichlich.

Kempinski Hotel: Bilder nach dem Umbau

„Es ist toll, dass Sie einen Neubürger einstellen, und ich kann versichern: Sie haben einen guten Fang gemacht“, betont der Bürgermeister in Richtung Hotelleitung. Das Kempinski sei aber längst nicht das einzige Unternehmen, das Flüchtlingen eine Chance gibt. Beispielsweise auch der Sanitär- und Heizungsbetrieb Schäfer, die Bäckerei Ernst, das Rewe-Logistikzentrum und der DLB beschäftigen laut Hunkel bereits Flüchtlinge.

Andere arbeiten noch an Ideen oder bereiten Wege vor, wie sie Flüchtlinge einbinden können. Als Beispiel nennt der Rathauschef die Alten- und Pflegeheime in Isenburg. Diese hätten sich im Verbund vorgenommen, Neubürger für eine Ausbildung ab Herbst 2016 in die vielfältigen Berufe des Bereichs Pflege einzuführen und „fit zu machen“.

Dazu sei es jedoch zunächst erforderlich, den jungen Menschen deutlich zu machen, was ein Alten- und Pflegeheim ist, denn solche Einrichtungen gebe es in den Heimatländern meist nicht. Aus diesem Grund sind heute alle interessierten Neuankömmlinge eingeladen ins Domicil. „Dort wird ihnen eine solche Einrichtung vorgestellt und sie werden zum Mittagstisch eingeladen“, so Hunkel. „Dann soll mit der Arbeitsagentur ein Konzept erarbeitet werden, wie die Menschen bis Herbst Ausbildungsreife erhalten können.“

Bilder: Einblicke in Unterkunft für Flüchtlinge in Neu-Isenburg

Viele andere Unternehmen unterstützten die Flüchtlinge mit Sach- oder Geldspenden, etwa für Sprachkurse oder W-LAN für die Erstaufnahmeeinrichtung. Hunkel nennt als Beispiele Arrow, AirPlus, Pepsi, Dupont, die Jostwerke, Jeppesen oder DeLonghi. „Das ist einfach super“, kommentiert der Rathauschef fast euphorisch. Er müsse zugeben, dass ihn die tolle Willkommenskultur, die die Isenburger zeigten, und auch das Ausmaß der Hilfsbereitschaft seitens der Unternehmen noch immer überraschen könne.

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