Zwischen Gehirn und Wurfkunst  

Wie Darts nach Deutschland kam: Spur führt nach Neu-Isenburg

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„Mit drei Pfeilen kann man viele Freunde kennenlernen“, sagt Robert Ryan (links) und meint damit auch den Vorsitzenden des Neu-Isenburger Dartvereins Robert Heyne.

Neu-Isenburg - Kurze Ruhephase, eine schnelle Armbewegung, dann zischt der erste Pfeil in einer gebogenen Flugkurve durch die Luft. Tripel-5. Der gleiche Ablauf ein zweites Mal. 20. Und noch einmal. 5. „Mist“, heißt es erst, „verdammter Mist“, kurz darauf. Die Ausbeute stellt den Werfer offenbar ganz und gar nicht zufrieden. Sein Gegner lacht leise. Von Daniel Schmitt

Einige Meter von dieser Szenerie entfernt sitzen Robert Ryan, hier nur als Bob bekannt, und Robert Heyne nebeneinander an einem Holztisch. Auf dem Gelände im Gravenbruchring am Isenburger Ortsrand sind die beiden Männer die zwei entscheidenden Figuren des Dartvereins Neu-Isenburg. Der 50-jährige Heyne ist Vorsitzender, der 75-jährige Ryan Ehrenvorsitzender. „Mit drei Pfeilen kann man viele Freunde kennenlernen“, sagt Ryan und blickt kurz unterbewusst zu seinem Sitznachbarn, um dann in die Historie des Dartssports in Deutschland einzusteigen. Diese Spur führt in die Rhein-Main-Region bis nach Neu-Isenburg zu Robert „Bob“ Ryan.

Als in Florida geborener amerikanischer Soldat war Ryan an der Airbase in Frankfurt stationiert. Darts spielte da noch keine Rolle – weder bei den Amerikanern, noch bei den Deutschen. „Erst durch britische Gastarbeiter bin ich aufmerksam geworden. Für sie war Darts in etwa so wichtig, wie Milch für Babys“, scherzt Ryan mit seinem deutlich hörbaren amerikanischen Akzent. Er sei dann einmal nach Feierabend in eine Frankfurter Kneipe mitgegangen und seitdem nie mehr von der Faszination losgekommen. Das Dartsfieber hatte ihn gepackt.

Schnell wurden aus spontanen Kneipenrunden feste Treffen. 1976 trug Ryan in Frankfurt eine inoffizielle deutsche Dartsmeisterschaft aus, zwei Jahre später kamen in der Frankfurter Festhalle sogar rund 200 Spieler zu den ersten internationalen Titelkämpfen zusammen. Während des Turniers legten Ryan und seine Mitstreiter Listen aus, in die sich alle Teilnehmer eintragen konnten – der Dartssport in Deutschland war geboren. Basierend auf den Namen dieser Liste gründete sich 1982 in Wiesbaden der Deutsche Dartverband, mit Ryan als Vizepräsidenten. Heute zählt der Verband über 10 000 Mitglieder. 1985 übernahm Ryan zudem den Vorsitz des hessischen Dartverbandes.

Nebenan ein lautes „Ohhh“ und ein leiseres „nicht so schlecht“. Offenbar sind die Pfeile nun deutlich genauer ins gewünschte Ziel geflogen. Vier Dartscheiben hängen dort durch jeweils zwei helle Lampen beleuchtet an der Wand. Der 2,37 Meter-Abstand zur Scheibe ist durch eine Erhöhung auf dem Fußboden genau markiert, Übertreten nicht möglich. Hinter den zwei Spielern stehen etliche Pokale, es dürften mindestens 80 sein.

An diesem Abend ist das Vereinsheim zwar nicht wirklich gut besetzt. Nur drei Männer mittleren Alters werfen abwechselnd auf die grünen, roten und weißen Felder der Scheibe. An anderen Tagen soll es aber deutlich voller sein. Knapp 70 Mitglieder zähle der Neu-Isenburger Dartverein, so Heyne, der nicht ganz so viel wie Ryan über die Geschichte des Pfeilewerfens in Deutschland, dafür aber umso mehr über das Packende des Dartssports zu berichten weiß. „Das Interessante ist die Perfektion“, sagte Heyne, „es sieht zwar einfach aus, bedarf aber viel Übung.“ Ryan fällt ihm freundlich ins Wort. „Darts ist ein Kampf zwischen Gehirn und Wurfkunst. Kraft benötigen wir zum Glück nicht“, sagt der 75-Jährige.

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Vor allem ist Darts aber eine Sportart, die in den vergangenen Jahren enorm an Popularität gewonnen hat. Die großen Stars der Szene verdienen mit ihrem Können Millionen. Von heute an werden auch im TV fast alle Begegnungen der Weltmeisterschaft live übertragen – sicher werden auch die Neu-Isenburger Dartsspieler genau hinschauen. „Seit Darts im Fernsehen läuft, haben wir auch bei uns im Verein einen Aufschwung gespürt“, sagt Heyne. Nicht alle Neulinge sind zwar geblieben, immerhin sechs Mannschaften zählt der Neu-Isenburger Verein aber zurzeit. Viermal pro

Woche treffen sich die Sportler zu Trainingseinheiten, Ligaspielen oder Spaßturnieren. „Es gibt zwei verschiedenen Arten, Darts zu spielen“, erklärt Ryan, „entweder freundschaftlich in einer Gaststätte, oder aber ernst bei Wettkämpfen.“ Diesmal bleibt die Stimmung freundschaftlich. Später am Abend stehen Ryan und Heyne vom Tisch auf und treten selbst vor eine Scheibe. Kurze Konzentrationsphase, schnelle Armbewegung und schon fliegen die Pfeile wieder in einer gebogenen Flugkurve in Richtung Scheibe.

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