Abschied von der Waldschule: Nach 40 Jahren im Dienst geht Günter Kaspar in den Ruhestand

Nach 40 Jahren im Dienst geht Günter Kaspar in den Ruhestand

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Günter Kaspar freut sich schon sehr auf seinen Ruhestand. Auch wegen eines sechswöchigen Trips nach England.

Obertshausen - Der Leiter der Waldschule geht Ende Januar in den Ruhestand. Im Laufe seiner Berufsgeschichte hat sich viel verändert. Vieles zum Guten, findet der Pädagoge. Die Leitung einer Schule ist in den vergangenen Jahren allerdings sehr viel anspruchsvoller geworden. Von Rebecca Röhrich 

Die Zukunft von Günter Kaspar steht schon bereit zur Abfahrt vor seiner Waldschule. Ein taubengrauer Morris Minor aus dem Jahr 1969. Im Mai wird sich der scheidende Rektor in die schnittige Schönheit setzen und gen England fahren. Sechs Wochen hat er für den Trip eingeplant. Dieses erste Ziel in seinem Leben nach der Arbeit kommt nicht von ungefähr: Großbritannien hat ihn nicht nur privat, sondern auch beruflich geprägt. Für Kaspar ist jetzt der richtige Zeitpunkt zu gehen – auch wenn er noch zwei Jahre länger Rektor bleiben könnte. „Ich bin mit mir im Reinen“, sagt der Pädagoge, der allem Anschein nach das erreicht hat, von dem die meisten Menschen nur träumen können. Er hat einen Beruf gewählt, der auch seine Berufung ist. „Bleiben sie Mensch“, sagt er gerne und meint das auch so. Denn Kaspar ist ein Menschenfreund im besten Sinne. Dieses Prinzip beginnt für ihn schon bei den ganz Kleinen. „Mein Maßstab ist der Respekt und die Verantwortung für jedes einzelne Kind“, sagt er über seinen beruflichen Anspruch.

Jeden Schüler gilt es, in seinem Wesen zu respektieren und den Kindern somit auch Wertschätzung gegenüber ihren Mitmenschen beizubringen. Zorn, Hass und Gewalt haben eine Ursache, die es zu ergründen gilt, ist seine Überzeugung. Wenn’s also mal Krach auf dem Schulhof gibt, zückt der besonnene Herr mit runder Brille und Bart das berühmte rote Buch und geht der Sache auf dem Grund. Das Ergebnis wird gemeinsam mit den Beteiligten in kurze Sätze gefasst und unterschrieben.

„Der Job geht nur mit einer eigenen Wertvorstellung“, betont er. Eine Herausforderung in Zeiten, in denen eine Gesellschaft viele verschiedene Wertvorstellungen unter einen Hut bringen muss. Ohne Herzblut lässt sich die Aufgabe nicht bewältigen, denn „die Grundschule ist der einzige Ort, wo sich alle Teile der Gesellschaft begegnen“, sagt er. Aber die letzten Jahre als Schulleiter seien immer schwieriger geworden. Es mangele an Lehrern und Planungssicherheit. Nichtsdestoweniger sieht er seine Schule gut positioniert – auch weil die langjährige Konrektorin Elke John seinen Job übernehmen wird und die Waldschule als Modellschule für inklusive Beschulung im Kreis Offenbach sehr viel besser aufgestellt sei als reguläre Bildungseinrichtungen. Ein Privileg, das den 63-Jährigen freut, weil es ein freieres Handeln der Schulleitung ermöglicht. Für ihn ist eine gemeinsame Beschulung aller Kinder der ideale Weg zu einer Gesellschaft, in der jeder mit seinen Fähigkeiten etwas für das Allgemeinwohl beitragen kann und Wertschätzung erfährt. Aber auch für den erfahrenen Pädagogen war diese Erkenntnis ein Lernprozess.

Klassisch und modern: Die besten Spick-Methoden

Er machte 1972 Abitur, wurde klassischer Grundschullehrer. Als er in den Schuldienst einstieg, gab es noch Sonderschulen. Es war damals in Deutschland undenkbar, dass behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam lernen. Während seiner Zeit an der Anne-Frank-Schule in Hanau sah er sich zudem als Pädagoge mit einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationsgeschichte konfrontiert. Schon damals war ihm klar: Eine andere Pädagogik muss her. Durch einen engen Kontakt nach England wusste er, dass Schule auch anders gehen kann. „Inklusion ist dort Asbach-Uralt“, sagt Kaspar. Später, als er bereits Rektor an der Waldschule war und diese 2008 zur Modellschule wurde, konnte er einige Ansätze aus England übernehmen – vor allem was die Personalstruktur anbelangt.

Den Erfolg des neuen pädagogischen Konzepts führt er auf die Einstellung im Kollegium und Elternbeirat zurück. „Das ist eine Gemeinschaftsleistung“, sagt er. Der britische Wagen, der an diesem ruhigen Wintermorgen in der Sonne glänzt, ist also nicht nur ein schöner Oldtimer, sondern auch ein Symbol für den Pensionär in spe. „Er ist fast so alt wie meine Berufsgeschichte“, sagt Kaspar und lacht. So ist es nur logisch, dass er mit ihm das Ende seiner Schulkarriere besiegelt. Das rote Buch wird künftig Elke John führen. Am 20. Januar verabschiedet die Waldschule ihren Leiter mit einem großen Fest.

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