Entscheidend ist die Motivation

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Der spanische Historiker Juan García Salinero (links) beginnt bald eine Ausbildung im Heizungs- und Sanitärbetrieb von Jesus Luna in der Beethovenstraße in Obertshausen.

Obertshausen - Er habe Deutschland mit dem Reformator Martin Luther und Reichskanzler Otto von Bismarck verbunden, mit Philosophen wie Ludwig Feuerbach und Friedrich Nietzsche, sagt Juan García Salinero. Was nur teilweise wundern kann. Von Stefan Mangold

Schließlich studierte der junge Spanier an der Universität von Alcalá Geschichte, nicht weit weg von Madrid. Seine Eltern hätten Wert auf Bildung gelegt. Er solle Abitur machen und studieren, „das schütze vor sozialem Abstieg“.

Juan wollte Lehrer werden. Eine Chance hat er keine. Nicht weil es in Spanien keinen Bedarf an Pädagogen gäbe, „sondern weil das Geld fehlt, sie einzustellen“. Dem Historiker ging es wie vielen jungen Menschen im Land: trotz eines akademischen Grades sitzen sie auf der Straße, ohne Aussicht auf Erwerb. Spanien steckt in einer Wirtschaftskrise, „die sich über zwanzig Jahre entwickelte“. Das Land habe sich deindustrialisiert, „der Umkehrprozess dauere Jahrzehnte“.

Zu lange. Weshalb der groß gewachsene Basketballspieler zur Zeit in aller Frühe im Bildungszentrum der Handwerkskammer im Frankfurter Gutleutviertel sein Zimmer verlässt, sich am Hauptbahnhof in die S-Bahn setzt, um bei der Firma „Luna Heizung und Sanitär“ an der Beethovenstraße in Obertshausen um sieben Uhr auf der Matte zu stehen. Der 26-jährige schaut sich eine Woche den Betrieb an. „Damit wir uns kennen lernen und sehen, ob es passt“, erklärt Eigentümer Jesus Luna (45).

Kontakt durch die Handwerkskammer

Der Kontakt kam durch die Handwerkskammer zustande, die arbeitslose junge Spanier mit guter Schulbildung zur Ausbildung in Betriebe nach Deutschland vermittelt. Nach der Woche fliegt Juan nach Hause zurück, um die nächsten Monate in einem Crashkurs deutsch zu büffeln.

„Am 15. August fängt er die Ausbildung zum Sanitär-, Heizungs- und Klimatechniker bei uns an“, erklärt Jesus Luna, Sohn spanischer Gastarbeiter, dem sein zukünftiger Lehrling in der gemeinsamen Muttersprache einen deutschen Akzent konstatiert.

Luna, der sich nach seiner Meisterprüfung vor 14 Jahren selbstständig machte und mittlerweile 20 Angestellte beschäftigt, sucht ständig nach Azubis, „jährlich schließt einer mit Gesellenbrief ab“. Bisher habe er jeden übernommen. Problematisch sei, „dass sich nur wenige bewerben“. Schon gar keine Abiturienten, geschweige denn Akademiker wie Juan, „der nach unseren Maßstäben als überqualifiziert gelten könnte“.

Was Jesus Luna jedoch eher weniger interessiert, ebenso wie er auch schon jemandem die Chance gab, „der keinen Hauptschulabschluss hatte, dafür einen enormen Willen, bei uns anzufangen“. Das habe sich ausgezahlt. „Entscheidend ist die Motivation“, spricht Luna aus Erfahrung. Und handwerkliches Geschick.

Denn was nutzt die beste Bildung und der stärkste Wille, wenn ein Lehrling mit zwei linken Händen versucht, ein Rohr zu verlegen oder den Boiler auszutauschen, geschweige denn eine Klimaanlage zu reparieren. Was dem Meister kein Kopfzerbrechen bereitet.

„Als Kind wollte ich unbedingt Handwerker werden“

„Als Kind wollte ich unbedingt Handwerker werden“, erinnert sich Juan García Salinero. Der empfindet sich trotz seiner Situation als privilegiert. Die Gastarbeiter, zu denen einer seiner Großväter gehörte, „verließen Spanien mit viel mehr Mut und ganz großer Ungewissheit“.

Ihn habe schon ein mulmiges Gefühl beschlichen, als er in Madrid in den Flieger nach Frankfurt stieg, sagt der 26-Jährige. Einen Kulturschock habe er in den ersten Tagen aber keineswegs empfunden, „sehr freundlich wurde ich überall aufgenommen“. Nach den drei Jahren Lehrzeit wolle er voll integriert sein, „sprachlich und sozial“.

Eine Rückkehr nach Spanien schließt er auch für später aus: „Die Globalisierung machte wenige Spanier wahnwitzig reich und zu viele total arm“.

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