Allein mit der Gitarre

Obertshausener Marco Pleil veröffentlicht sein erstes Soloalbum

Mit der Vinyl-Single „Liebe Grüße!/Jazz ist keine Option“ beteiligt sich der Obertshausener Musiker Marco Pleil an der Aktion „Hessen kulturell neu eröffnen“.
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Mit der Vinyl-Single „Liebe Grüße!/Jazz ist keine Option“ beteiligt sich der Obertshausener Musiker Marco Pleil an der Aktion „Hessen kulturell neu eröffnen“.

Da half nur noch Galgenhumor. „Pünktlich zur Pandemie“, sagt Marco Pleil, sei sein neues Album „Die Spur des Kalenders“ (Timezone) erschienen. Er hatte es auf den 10. April vergangenen Jahres terminiert. Da war im ersten Lockdown an keine große Record-Release-Party zu denken, an eine Tournee schon gar nicht.

Obertshausen – Die Hoffnung, die Pandemie könne sich als zeitlich befristetes Phänomen schnell erledigen, erfüllte sich nicht. „Um nicht im Strudel der Zeit verschluckt zu werden, entschied ich mich dann für eine kleinere Variante“, erinnert sich der Sänger und Gitarrist. Das Konzert fand schließlich unter Hygiene-Bedingungen im luftigen Biergarten der Kulturhalle Schanz in Mühlheim statt. Hauptsache „direkt vor der Haustür“, wie es sich der Musiker für die Premiere seines Debüts unter dem griffigen Kürzel Pleil gewünscht hatte.

Marco Pleil: „Ich bin ein Rhein-Main-Kind“

„Ich bin gebürtiger Offenbacher, wohne in Obertshausen und bin seitdem ich in Bands spiele Teil der Frankfurter Musikszene“, positioniert sich Pleil und räumt mit der Mär auf, er sei auch mal „Wahl-Berliner“ gewesen: „Wir haben das letzte Cloudberry-Album 2009 und 2010 in Berlin produziert und ich habe sehr viel Zeit dort verbracht. Aber im Gegensatz zu David Bowie oder Iggy Pop konnte ich keine Bindung zu der Stadt aufbauen.“ Sein klares Bekenntnis lautet: „Ich bin ein Rhein-Main-Kind.“

Der Name ist schon gefallen. Cloudberry. 1999 gegründet nahm das Projekt an Fahrt auf, als Pleil auf ein festen Live-Trio setzte. Der von Nikolai Potthoff (Tomte) produzierte, letzte Longplayer der Gruppe, „The Closer We Get“, wurde sogar im Rolling Stone-Magazin gewürdigt. „Ich habe Cloudberry immer als eine gesunde Mischung aus amerikanischem Indie-Rock wie Sebadoh oder Lemonheads, sowie Britpop von Oasis und Konsorten, empfunden“, bekennt Pleil. „Mit The Cure, Joy Division und New Order bin ich aufgewachsen und sie sind bis heute mein größter Einfluss.“ Robert Smith & Co waren sogar Namenspate mit ihrem Song „Cloudberry“. Das Trio „Cloudberry“ stand stets kurz vor dem Durchbruch. „Allerdings hatten wir dabei das große Talent, immer konsequent an jedem Zeitgeist vorbei zu segeln, haben uns so auch nie irgendwie angebiedert.“ So war das Konstrukt Band irgendwann erledigt, der Soloweg beschlossene Sache. „Weil ich auf gewisse Sachen einfach keine Lust mehr hatte und vor allem keine Nerven mehr dafür.“

Marco Pleil: „Mein Gitarrenspiel ist weiterhin nicht sonderlich filigran“

Allein und nur mit einer Gitarre bewaffnet sah sich Marco Pleil plötzlich als Singer/Songwriter tituliert. Er spiele Gitarre, schreibe Songs und singe dazu. „Schon bin ich drin in der Schublade, in die ich nicht rein möchte und in der ich mich gar nicht sehe“, kommentiert Pleil mit Achselzucken. „Mein Gitarrenspiel ist weiterhin nicht sonderlich filigran und mein Songwriting ist nach wie vor tief im Drei-Akkorde-Post-Punk verwurzelt. Wer sich ,Die Spur des Kalenders’ anhört, wird genau verstehen, was ich meine.“ Ekki Maas von der Kölner Band Erdmöbel, der erste Stücke mit Pleil aufnahm, kam mit der plakativen Formel „Der Billy Bragg von Frankfurt“ um die Ecke. „Eine angezerrte Telecaster-Gitarre, die schrammelige Performance - das war für Ekki wohl Anlass genug, mich so zu nennen“, mutmaßt der 47-Jährige. „Die Spur des Kalenders“ ist eher schroff als sanft, minimalistisch statt monumental, Ausdruck von High Energy-Melancholie obwohl das wie eine Paradoxie klingt. Ist Pleil also auf der Suche nach dem Plätzchen zwischen Schwermut und Euphorie? „,Die Spur des Kalenders’ ist eine Kollektion von sieben Jahren Songwriting mit vielen Konzerten, Eindrücken und Erfahrungen“, erläutert der Obertshausener. „Dass das Album am Ende doch ein ziemlich emotionaler Brocken geworden ist, wurde mir erst bewusst, als ich die ersten Kritiken gelesen habe. Vieles ist unterbewusst geschehen und somit schwer zu erklären.“

Mit der Vinyl-Single „Liebe Grüße!/Jazz ist keine Option“ hat Pleil jetzt nachgelegt. Es ist sein Beitrag zur Aktion „Hessen kulturell neu eröffnen“ der Hessischen Kulturstiftung. Da niemand weiß, was in nächster Zeit passiert, konzentriert sich Pleil „möglichst auf die guten Sachen.“ „Im Moment schaue ich viel Filme, gehe spazieren, schreibe Songs und habe jetzt ein kleines Heimstudio.“ Die Arbeit am zweiten Album hat längst begonnen. (Detlef Kinsler)

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