Prozess

Zur Aufklärung beigetragen

Immer wieder als Diebesgut beliebt sind Fahrräder. (Symbolbild)
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Immer wieder als Diebesgut beliebt sind Fahrräder. (Symbolbild)

Zwei Jahre Haft auf Bewährung für 29 Jahre alten Fahrraddieb mit Vorstrafen.

Obertshausen – An den S-Bahn-Stationen Obertshausen und Ober-Roden hatte der Angeklagte M. innerhalb von drei Jahren mindestens elf Fahrräder gestohlen. Ohne seine „Mitarbeit“ indes wäre die Polizei ihm nicht auf die Schliche gekommen. Auch deshalb kam der einschlägig vorbestrafte 29-Jährige jetzt vor dem Schöffengericht in Offenbach mit zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung davon.

Im Februar 2018 hatten Zeugen beobachtet, wie sich M. an einem jener S-Bahnhöfe an einem Fahrrad zu schaffen machte. Die Polizei konnte ihn festnehmen. Danach gestand der Mann insgesamt elf Diebstähle. Die hatten Geschädigte seit Mai 2015 zur Anzeige gebracht.

Staatsanwalt Christian Dilg liest in seiner Anklage auch den jeweiligen Neupreis der Räder vor. Im Durchschnitt liegen die Diebstahlobjekte bei einem Wert von knapp 300 Euro.

Im Vorfeld des Prozesses hatte der Pflichtverteidiger dem Vorsitzenden Richter Manfred Beck signalisiert, sein Mandant werde umfassend gestehen. Der 29-Jährige erklärt, wegen seiner Kokainsucht habe er damals nicht bemerkt, „wie ich den Anschluss zur Welt verloren hatte“. Erst nach einer Entgiftung sei er wieder zu sich gekommen, „von heute aus erkenne ich mich in solchen Taten nicht wieder“. Auf Becks Nachfrage, ob er arbeite, erläutert der Offenbacher, wegen eines Problems mit seiner Haut habe er einen Hilfsjob in einer Küche wieder aufgeben müssen, „ich will aber unbedingt arbeiten, auch wenn mein Betreuer dagegen ist“.

Später berichtet der ehemalige Bewährungshelfer des wegen diverser Eigentumsdelikte längst knasterfahrenen Mannes, infolge eines Badeunfalls in der Kindheit habe der Angeklagte einen Schwerbehindertengrad von 50 Prozent, „das Gehirn bekam länger keinen Sauerstoff“.

Man müsse ihm engmaschige Strukturen vorgeben, ihm etwa ganz genau sagen, „morgen um 14 Uhr bis du hier“. Auf dem ersten Arbeitsmarkt könne er auf keinen Fall bestehen. Zum Prozess erscheint M. vorbildlich pünktlich, was vielleicht an der Schwester liegt, die ihn begleitet.

Als Beck die Vorstrafen vorliest, wundert sich M. über eine Körperverletzung in 2007, „ich bin doch keiner, der jemanden schlägt“. Als Erwachsener hinterlässt der 29-Jährige tatsächlich einen vollkommen friedlichen Eindruck.

Sein Pflichtverteidiger erklärt, mittlerweile wohne sein Mandant wieder bei den Eltern. Die Familie kümmere sich um ihn, „bei jedem Gespräch in meiner Kanzlei war ein Mitglied dabei“. Auf Nachfrage von Beck, wie er es mittlerweile mit den Drogen halte, antwortet M., „als ich im Stress war, rauchte ich einmal eine Tüte“.

„Unter Zurückstellung von Bedenken“, plädiert Staatsanwalt Christian Dilg auf eine Gefängnisstrafe von zwei Jahre, ausgesetzt für eine fünfjährige Bewährungszeit. Der Angeklagte habe massiv zur Aufklärung beigetragen. Außerdem soll M. Wertersatz in Höhe von 3 270 Euro zahlen, dazu noch 200 Arbeitsstunden leisten. Der Pflichtverteidiger schließt sich dem Staatsanwalt an, „die letzte Haftstrafe beeindruckte ihn stark“. In seinem Schlusswort erklärt M., er wähne sich auf einem guten Weg, „ich würde auch 2000 Arbeitsstunden ableisten“.

Richter Beck und die beiden Schöffen verhängen 250 Stunden und folgen ansonsten Staatsanwalt Dilg, „es hätte keinen Sinn, sie ins Gefängnis zu stecken“. Beck kündigt außerdem an, der Bewährungshelfer werde in den nächsten fünf Jahren Drogentests anordnen, „wenn Sie nicht sauber bleiben, dann sitzen Sie ein“.

VON STEFAN MANGOLD

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