S-Bahn hatte einen Vorläufer

„Obertshausen einst“: Die Geschichte des Bahnhofs

Ohne Scheu ließen sich Obertshausener im Jahr 1913 auf den Gleisen vor dem Bahnhofsgebäude fotografieren.
+
Ohne Scheu ließen sich Obertshausener im Jahr 1913 auf den Gleisen vor dem Bahnhofsgebäude fotografieren.

In der Chronik der Stadt Obertshausen berichtet der Heimat- und Geschichtsverein (HGV) über viele einstige Orte, zählt Fakten aus der Vergangenheit auf und sammelt interessante Anekdoten. In unserer Serie  „Obertshausen einst“  reisen wir gemeinsam mit den Heimatforschern zurück – in dieser Ausgabe in die Geschichte des alten Bahnhofs.

Obertshausen – Von den ersten Planungen bei der Deutschen Bundesbahn bis zur Aufnahme des Regelbetriebs der heutigen S-Bahnlinie S1 sollten fast 40 Jahre ins Land gehen. Wie auch der damalige Bürgermeister Bernd Roth bei der Begrüßung der ersten S-Bahn in Obertshausen im Dezember 2003 feststellte, wurde endlich gut, was lange währte. Heute ist der S-Bahn-Anschluss aus der Stadt nicht mehr wegzudenken.

Die S-Bahn hat einen Vorläufer: die Nebenbahnstrecke Offenbach-Dieburg-Reinheim. Eine Bahnlinie samt Bahnhof und Bahnübergängen gab es in Obertshausen also schon vor Inbetriebnahme der S-Bahn. Die Vorarbeiten zum Bau einer „Secundärbahn durch den Rodgau“ fanden im Jahr 1881 statt. Der Geländeabtretung für die zu bauende Bahnlinie stimmte der Obertshausener Gemeinderat im Juni 1886 zu, im Dezember 1894 wurde der Wald abgeholzt. Ein Jahr später entstand der Obertshausener Bahnhof, am 1. Oktober 1896 konnte die fertige Nebenstrecke Offenbach–Dieburg–Reinheim in Betrieb genommen werden. Von da an war Obertshausen ans Eisenbahnnetz angeschlossen.

Neue Verbindung ein wahrer Segen

Für die in Offenbach arbeitende Bevölkerung war die neue Bahnlinie ein wahrer Segen. Wo vorher die Strecke zu den Arbeitsplätzen der Offenbacher Industrie nur mühsam zu Fuß oder per Fahrrad zu bewältigen war, konnte nun der schnellere und komfortablere Zug genutzt werden. Wie man aus Berichten von Zeitzeugen weiß, begaben sich auch viele Hausener morgens zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof nach Obertshausen.

Die durch die neue Bahnlinie stärker wachsende Bevölkerung gewöhnte sich schnell an die „dampfenden Stahlrösser“, doch der Fortschritt forderte auch Opfer. Das zeigt eine Bekanntmachung des Großherzoglichen Kreisamtes in Offenbach vom 11. August 1910: „Wie die Königlich Preußische und Großherzoglich Hessische Eisenbahndirektion Mainz mitteilt, ist die Zahl der auf den Nebenbahnen ihres Bezirks überfahrenen Fuhrwerke im letzten Jahr größer gewesen als im Vorjahre. Außerdem sind noch eine Anzahl Fälle vorgekommen, in denen nur durch ganz besondere Aufmerksamkeit der Lokomotivführer ein Überfahren von Fuhrwerken verhütet worden ist. Die meisten Unfälle sind dadurch entstanden, dass die Wagenführer entweder versuchen, noch vor dem Zuge, dessen Geschwindigkeit sie unterschätzten, über den Überweg zu kommen oder dass sie, wenn sie nicht geschlafen haben, mit Begleitern plaudernd oder im Planwagen sitzend, sich überhaupt nicht darum gekümmert haben, ob sich dem Überwege ein Zug näherte.“

Nicht zuletzt auf Grund der häufigen und nicht selten auch tödlichen Unfälle wurden 1914 Schranken am Bahnübergang angebracht und wenig später am Bahnhof Obertshausen die Petroleum-Leuchten durch wesentlich hellere Gaslaternen ersetzt.

Der Fußgängerübergang beim Sägewerk Becker entstand 1951, die Firma Karl Mayer erhielt 1959 einen Privatgleisanschluss. Im Jahr 1970 wurde der Bahnhof wegen Konzentrationen im Stückgutverkehr der Deutschen Bundesbahn renoviert und erweitert. Die Flachbauten zu beiden Seiten des Hauptgebäudes erhielten je einen Anbau. In Richtung Bahnübergang entstanden so zwei zusätzliche Büroräume. Auf dem eigentlichen – gegenüber gelegenen – Verladeterrain wurde ein 125 Quadratmeter großer Schuppen errichtet. Die bisherige Freirampe wurde überdacht, ein Teil der Auffahrt auf Rampenhöhe gebracht. Mit der Modernisierung der Schrankenanlage verschwand 1974/1975 das Wärterhäuschen, die Gleisanlagen wurden erweitert sowie eine vollautomatische Vollschranke mit Blinkanlage angebracht.

300 Schüler nutzen Bahnübergang

Der mit einem Drängelgitter versehene Bahnübergang an der Albrecht-Dürer-Straße mit Zugang von der Brühlstraße war im Laufe der Jahre zu einem Sorgenkind für die Gemeinde geworden. Im Jahr 1977 passierten täglich innerhalb von nur 30 Minuten etwa 300 Schülerinnen und Schüler den Übergang kurz vor Schulbeginn, viele von ihnen mit dem Fahrrad. Unfälle – auch tödliche – konnten nicht ausbleiben, es sollte aber noch einige Jahre dauern, bis der Übergang durch eine Untertunnelung entschärft war.

Nach Klagen und Protesten wurde die Bahnlinie Offenbach-Bieber–Obertshausen–Oberroden–Dieburg zu Beginn des Jahres 1978 wieder aus dem Einsparungsprogramm „Stilllegung von Bahnnebenstrecken“ der Bundesbahn herausgenommen. In den Abendstunden sowie ab Samstagmittag und an Sonn- und Feiertagen wurden die Züge jedoch durch Busse ersetzt.

Die Chronik kann per Mail an vorstand@hgv-obertshausen.de beim Heimat- und Geschichtsverein bestellt werden. (clb)

Der Bahnübergang in Obertshausen im Jahr 1958 – lange vor dem Bau der heutigen Unterführung.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare