Musiker Aeham Ahmad und Bergo Kamal Ibrahim haben sich gesucht und gefunden

Konzerte inmitten von Schutt

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Aeham Ahmad (links) und Bergo Kamal Ibrahim sind auch noch kurz vor dem Konzert entspannt.  

Obertshausen - Die Grünen hatten den syrisch-palästinensischen Pianisten Aeham Ahmad zusammen mit dem ägyptischen Perkussionisten Bergo Kamal Ibrahim für ein Benefizkonzert ins Bürgerhaus eingeladen. Weltweit bekannt wurde Aeham Ahmad als „Pianist in den Trümmern“. Von Stefan Mangold 

Vor seiner Flucht nach Deutschland hatte Aeham Ahmad in seiner vom Krieg zerstörten Heimatstadt Jarmuk zwischen den Schuttbergen Konzerte gegeben. In Deutschland fand der 28-Jährige schnell Anklang. Ahmad trat schon mit Herbert Grönemeyer und den Sportfreunden Stiller auf. Das ZDF drehte eine Dokumentation über den Musiker, der zusah, wie ein Scherge des IS sein Klavier verbrannte. Im Credo dieser Leute gilt Musik als unislamisch. Aeham Ahmad und Bergo Kamal Ibrahim wirken vor dem Konzert entspannt, nehmen einander auf den Arm. Aeham will beobachtet haben, wie sein Freund Bergo, der nicht so wirkt, als ob er nur an Karotten nage, versuche vor Kameras den Bauch einzuziehen.

Zwei Topmusiker, die hervorragend miteinander harmonieren. Die beiden lernten sich vor einem Jahr kennen. Seitdem treten sie immer wieder gemeinsam auf.

Die beiden kennen sich seit einem Jahr. Ahmad gab im Kunstverein in Wiesbaden ein Konzert. Ibrahim lebt in Eppstein und siedelte vor einem viertel Jahrhundert als 25-Jähriger von Alexandria nach Deutschland um. Die Musiker kamen ins Gespräch. Seitdem konzertieren sie als Duo. Auf der Bühne lässt sich schnell hören, warum das Gespann nicht mehr miteinander proben muss. Aeham Ahmad ist klassisch ausgebildeter Pianist. Als Kind ging er in Damaskus aufs Konservatorium später in Homs auf die Musikhochschule. Er hat das, was den meisten Interpreten ernster Musik jedoch fehlt: Den Groove. In rasender Geschwindigkeit spielt Ahmad den Türkischen Marsch von Mozart an. Der verliert sich aber in einer verwegenen Kadenz, um schließlich in Beethovens „Für Elise“ zu münden. Dann schmiegt sich Bergo Kamal Ibrahim in die Improvisation. Ein Schlagzeuger, der jeden seiner Töne atmet. Die beiden verwenden in ihren Improvisationen Elemente aus der arabischen Musik, deren Tonleitern sich mit ihrer besonderen Chromatik von unseren unterscheiden. Der Rhythmus wechselt ständig. Zwischendurch klingt auch das Klavier wie ein Perkussionsinstrument, als Aeham Ahmad in den Flügel greift und einzelne Saiten dämpft.

Menschen in Ost-Aleppo müssen weiter auf Evakuierung warten

Zwischendurch erzählen die beiden von der Lage in Syrien, wo der Pianist Aeham Ahmad 1988 in Jarmuk zur Welt kam, ein Stadtviertel und Flüchtlingslager in Damaskus. Einmal blieb der Vater zweier Kinder nur durch Zufall am Leben, als ihm nach einer Explosion Steinbrocken die rechte Hand brachen. Eine Katastrophe für einen Pianisten. Bergo Kamal Ibrahim spricht „vom demütigen Charakter der Staatenlosigkeit“. Freund Aeham Ahmad kam als Staatenloser zur Welt. Die Solidarität der arabischen Regierungen mit den Palästinensern, die dem eigenen Sprach- und Kulturkreis entstammen, konzentriert sich auf Sonntagsreden. Auch die vierte Generation der einstigen Flüchtlinge bekommt keinen Pass. Ansonsten betonen beide, sie verstünden sich als Beispiel für die Mehrheit hierzulande lebender Araber und Muslime: „Wir wollen niemanden töten.“

An einer Stelle stimmen die Zwei ein arabisches Lied an. Im Saal sitzen junge Flüchtlinge, die wie aus einem Hals mitsingen. Unvorstellbar in Deutschland. Die Interpreten auf der Bühne beweisen aber einen feinen Sinn für das, was Deutsche gesanglich leisten können. „Alle meine Entchen“ flutscht wie aus einem Guss. Der Erlös des Konzerts geht an den Verein „Freundschaft ohne Grenzen“.

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