Vom tropischen Wald bis zum Gletscher

Bergsteiger und Sportlehrer David Stein berichtet in Obertshausen von seinen Erfahrungen in den Anden

David Stein wartet im Klassenzimmer auf seine Zuhörer. Denen erzählt er von seiner Hochtour auf den Nevado del Tolima in Kolumbien.
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David Stein wartet im Klassenzimmer auf seine Zuhörer. Denen erzählt er von seiner Hochtour auf den Nevado del Tolima in Kolumbien.

Obertshausen – Auf mehr als 5000 Meter über dem Meeresspiegel ist die fünfte Gymnasialklasse von Gregor Surnin gestern unter der Leitung von Bergsteiger David Stein gewandert. Unter Corona-Bedingungen natürlich – also nur gedanklich. So lauschten die Hermann-Hesse-Schüler fasziniert dem Vortrag Steins, der von seiner Reise auf den kolumbianischen Nevado del Tolima erzählte.

Dieser Berg in den kolumbianischen Anden ist mit seinen 5215 Metern rund 1,75 Mal so hoch wie die Zugspitze in den Alpen. Dorthin nahm der Bergsteiger die Schüler in seinem Bericht mit. Stein, der seit diesem Monat als Referendar an der Schule arbeitet, hatte den „Verschneiten von Tolima”, so die Übersetzung, ein seit Mitte der 1940er-Jahren inaktiver Vulkan in der gleichnamigen Region, fast genau vor einem Jahr bestiegen.

„Oh“ und „Ah“ schallt es durch den gelüfteten Klassenraum, als Stein die ersten Fotos seiner Hochwanderung zeigt. Riesige Quindio-Wachspalmen ragen in den Himmel, im Hintergrund der Berg, der das Ziel seiner Expedition war. „Die Palmen sind größer als die Bäume vor den Fenstern“, berichtet Stein. Bis zu 50 Meter können die Riesen, die als Wahrzeichen des Verwaltungsgebiets Tolima gelten, empor wachsen.

Die Tour führt die kleine Gedanken-Reisegruppe weiter in den Bergwald. Schwüle, warme Luft sammelt sich unter dem dicht bewachsenen Grün. Nur selten sehe man den Himmel, berichtet Stein weiter. Stattdessen gelangen ihm Bilder von farbenfrohen Vögeln, wie Tukanen. „Ich bin ihm hinterher gerannt, um ein Foto zu schießen”, erzählt der Referendar, als ihn Schüler fragten, wie er seine Begegnung mit solch seltenen Vögeln festhalten konnte.

Bereits auf rund 4000 Metern Höhe befindet sich Stein, als kaum noch Vegetation zu sehen ist. Im Vergleich, erläutert er den Schülern, wächst auf der Zugspitze bereits auf etwa 2000 Metern kein Baum mehr. Nur wenige Pflanzen kommen mit der kühlen, dünnen Luft auf dem Nevado del Tolima klar. „Was wächst da?”, fragt ein Schüler verwundert und deutet auf ein Foto, das Sträucher zeigt. Stein, der sich vor seiner Hochtour über Vegetation und Geografie seines Wanderweges informierte, weiß, dass diese Espeletia heißen. „Die Blätter sind weicher als ein Taschentuch”, sagt er. Der Halbstrauch nimmt Feuchtigkeit aus der Luft auf und gibt diese über seine Wurzeln wieder ab.

Viele erstaunte Wörter fallen, als Stein Fotos von der Gletscherspitze des Nevado del Tolima zeigt: Die aufgehende Sonne färbt Wolken und entfernte Bergspitzen in helle Gelb- und Rosatöne. Aus dem noch aktiven Vulkan Nevado del Ruiz steigen Rauchwolken auf. Die Jungen und Mädchen sind sichtbar – auch unter ihren Masken – begeistert. „Haben Sie einen Schneemann gebaut?”, fragt einer der Jungen. „Nein, der Schnee ist zu hart”, antwortet Stein und schmunzelt.

Mit dem Vortrag wollten David Stein und Organisator Sebastian Hix die Begeisterung fürs Wandern und Bergsteigen an die Schüler weitertragen. „Zurzeit entfällt der Sportunterricht”, sagt Hix. Daher seien solche Vorträge ein wichtiger Ersatz für die Klassen mit Schwerpunkt Sport. Einige Schüler berichten, dass sie bereits mit ihren Eltern wandern gehen. Auch Stein fing bereits in frühen Jahren damit an. Mit dem Vater durch Deutschland und im Alter von 18 Jahren dann zum ersten Mal über die Anden in Ecuador. Dorthin verschlug es ihn für ein Auslandsjahr. 2018 und 2019 zog es Stein erneut nach Südamerika – diesmal nach Bogotá in Kolumbien als Deutschlehrer. In seiner Freizeit bestieg er mehrere Berge in der dortigen Region. (Yvonne Fitzenberger)

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