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Ein König unter den Sammlern

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Überall kleine Geschichten: Botho Wagner wird heute 80 Jahre alt. - Foto: Michael
Überall kleine Geschichten: Botho Wagner wird heute 80 Jahre alt. © Michael

Obertshausen - Wagner heißen viele. Botho Wagner aber ist ein Unikat: Von Michael Prochnow

Der gebürtige Offenbacher feiert heute seinen 80. Geburtstag – was ihn nicht daran hindert, den ältesten Spielzeugmarkt im Land zu veranstalten, die größte Kart-Messe der Welt auszurichten und Bücher zu schreiben. Der Mensch der Vorzeit war Jäger oder Sammler. Die Gene des Botho Wagner sprechen eine deutliche Sprache: In seinem Stammbaum muss es vor Sammlern nur so gewimmelt haben. Das Haus, das er mit seiner Frau Alice bewohnt, gleicht einem Museum. Im Keller parken Eisenbahnwaggons der Spurweite 1 in Regalen bis zur Decke, Oldtimer und historische Karussells aus Blech stapeln sich dazwischen. In der Kammer daneben drängen dicht an dicht Käthe-Kruse-Puppen. Kein Winkel, in dem nicht ein uraltes Möbelstück oder eine Heiligenfigur steht, ein Aquarell oder eine Ikone prangt.

Botho Wagner ist im Brunnenweg in der Gemaa Tempelsee und am Wilhelmsplatz aufgewachsen. Mit acht Jahren erlebt er den Bombenkrieg, wird nach Niedermittlau evakuiert. Die Schullaufbahn am Rudolf-Koch-Gymnasium bricht er ab – Latein liegt ihm nicht. Stattdessen bereitet er sich in der Handelsschule an der Waldstraße auf eine Lehre zum Industriekaufmann vor. Der Vater führt eine Fabrik für Gummiwaren, ist Vizepräsident bei Kickers Offenbach und schickt seinen Filius nach München zur Firma Metzler.

Botho studiert Maschinenbau für die Kautschuk-Industrie. Und weil er in der väterlichen Firma gebraucht wird, sammelt er erstmal Erfahrung bei Continental in Hannover. An der Werkkunstschule, der heutigen Hochschule für Gestaltung, erhält er ein Stipendium. Das erste Sunil-Vollwaschmittel-Paket wird von ihm entworfen, auch die Ata-Scheuermittel-Zwerge stammen aus seiner Feder. „Ich habe damals viel gemalt, aber mein Vater hat das als brotlose Kunst abgetan“, erzählt der Jubilar. Er soll stattdessen jeden Morgen Pakete auf die Post bringen.

Seine Frau Alice lernt Botho in der berüchtigten Disco gegenüber der Obertshausener Feuerwehr kennen und heiratet sie 1958. Sie teilt seine Begeisterung für Rennen mit Roller und Käfer. Botho macht schon mit 15 Jahren seinen Motorrad-Führerschein – einen Fragebogen ausfüllen genügt damals. Mit einer 250er Marke Eigenbau fährt er Cross am Grünen See in Dietesheim. Durch einen Prüfer lernt er Go-Karts kennen: Der Amerikaner Art Ingles hat 1956 Räder einer Sackkarre und den Motor eines Rasenmähers verbaut. Botho ist gleich beim ersten Rennen in Wiesbaden dabei.

Karl Mayer unterstützt Straßenrennen rund um den Firmen-Komplex, unter tausenden Zuschauern befindet sich auch Eiskunstläuferin Marika Kilius. Für Botho Wagner ist’s eine seiner größten Pleite, bis zur letzten Runde führt er, dann geht der Motor kaputt. Die Karriere hält’s aus, Botho wird Werksfahrer in Stuttgart, dann in Italien. 1972, winkt auf dem Weg nach ganz oben der Europameister-Titel. Nach einem Krach mit der Ehefrau sagt er das entscheidende Rennen in Frankreich ab – sein Ersatzfahrer verunglückt tödlich.

Wagner wird Chefredakteur der AvD-Zeitung Karting, moderiert Rennen. 1971 lädt er zur ersten Spielzeugmesse ins Hinterzimmer der „Gut Stubb“ in Obertshausen. Die Schau zieht rasch in die alte TGO-Turnhalle, dann in den „Gambrinus“ und ins Bürgerhaus. Weil die Stadt Oberts-hausen sonntags keine kommerziellen Veranstaltungen will, treffen sich die Sammler aus aller Welt dann in Mühlheim. Vor drei Jahren holt der Bürgermeister die Messe zurück, das internationale Flair tue der Stadt gut, heißt es nun.

1992 lässt sich Wagner vom Motorsportverband überzeugen, mit Wissen und Erfahrung die Kart-Messe zu übernehmen. 4500 Besucher kommen auf Anhieb an die Willy-Brandt-Halle Mühlheim, nach fünf Jahren muss die Ausstellung nach Offenbach umziehen. Heute ist es die größte weltweit, füllt acht Hallen mit Ständen von mehr als 500 Ausstellern aus 30 Nationen. Offenbach liegt damit vor Chicago, Tokio und Parma.

Wagners kennen fast alle Formel-1-Fahrer persönlich, „die haben alle im Kart begonnen, die Schumachers, Vettels und Hamiltons“. Botho hat mehr als 20 Bücher geschrieben, fünf mit seiner Frau. Sie beschäftigen sich mit Miniaturen, Eisenbahnen, Blechspielzeug, Formel 1. Verlage engagieren ihn, er schreibt „über alles, was du von Coca-Cola sammeln kannst“. Diesen Auftrag übernimmt er von der Pressechefin per Handschlag in einem Penthouse an der 1st Avenue, New York. Auf seine „Märklin-Bibel“ beruft sich jede Auktion, sagt er.

Bei 30 weiteren Werken ist er Co-Autor. „Zeitdruck ist ein verdammt hartes Brot“, gesteht Botho. Auch die Suche nach deutschen Wörtern für die internationalen Fachausdrücke kostet viel Zeit. „Besonders schwierig ist das bei Übersetzungen aus dem Bayerischen“, beweist der Autor Humor. Aber er hat schließlich eine harte Schule hinter sich, lange Zeit für die West-Redaktion der OP gearbeitet, das Wochenend-Magazin gestaltet. Heute, und nur heute, lässt er schreiben: „Herzlichen Glückwunsch, großer Kollege!“

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