Brauchtum trifft frische Kreativität

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Dr. Martin Trageser (links) eröffnete mit dem Männerchor der Sängerlust und festlichen Melodien das traditionsreiche Konzert.

Obertshausen - Es ist immer wieder eine waghalsige Gratwanderung, an deren Ende ein Kompromiss steht. Schon früh im Chorjahr beginnen die Diskussionen in den vier Ensembles, was denn am ersten Sonntag im November „Hausen singt“. Von Michael Prochnow

Der VereinSängerlust Hausen hat eine Verjüngungskur nämlich bereits absolviert - sein Publikum noch nicht. Manche Besucher saßen schon bei der ersten Veranstaltung vor sage und schreibe 35 Jahren in den Reihen des großen Saales im Bürgerhaus. Die Nachwuchs-Formationen führen daneben Familien und Freunde an die Feier der Chor-Kultur. Damit hat der Vorstand gemeinsam mit der Musikschule das Tor in die Zukunft der Gemeinschaft weit aufgestoßen.

Das Publikum war mehrmals zum „offenen Singen“ aufgefordert.

Das neue Interesse am Gesang allein genügt aber nicht, um 1000 verwöhnte Ohren in die Hausener gut Stub’ zu locken. Das heimische Auditorium genoss in all den Jahren ein hohes musikalisches Niveau, was die Aktiven des Jahres 2011 offenbar als Ansporn verstanden. Die Ensembles mit ihren Dirigenten Dr. Martin Trageser sowie Peter Krausch folgten dieser Verpflichtung mit Talent, Begeisterung und Fleiß, was die Zuhörer am Sonntagabend im voll besetzten Saal mit reichlich Applaus untermauerten.

Erfolgsspur führt über den goldenen Mittelweg mit klassischen Chorwerken und modernen Arrangements

Damit scheint die Frage, ob die Künstler im Rampenlicht ihrem eigenen Interesse oder den Erwartungen ihrer Anhänger folgen, beantwortet. Die Erfolgsspur führt über den goldenen Mittelweg mit klassischen Chorwerken und modernen, aktuellen Arrangements und soll die enge Verbindung zwischen Sängerinnen und Sängern sowie ihren Anhängern fortsetzen.

Dr. Trageser bereichert diesen Prozess mit einer sehr gefühlvollen Art, einem Faible fürs Melancholisch-Schöne. In Noten ausgedrückt findet sich seine Führung beispielsweise in Schuberts „Nacht“, die der Männerchor zum Auftakt mit leisen und sehr präzisen Tönen in den großen Saal brachte. Auch das „Land der Fantasie“ aus der Feder des Rodgauers Winfried Siegler Legel brachte Ruhe und Konzentration ins Programm der Hausener.

Ein Dutzend junger Mädchen hatte das „Hungrige Herz“ von Mia einstudiert

Dann dokumentierten sie aufs Neue, dass auch Volkslieder Kreativität erlauben. Trageser hatte Sätze von Rudolf Desch für den „wachsamen Hahn“ gewählt und für die Aufforderung, „Horch, was kommt von draußen rein“. Auch der von der Sängerlust gut gepflegte Brauch des „offenen Singens“, der dem Konzert den Namen verleiht, bedient die treuen Freunde der anspruchsvollen Geselligkeit: Die Chorleiter wenden sich dem Publikum, und sogar Sitznachbarn, die sonst die Zähne nicht auseinander bekommen, schmettern aus voller Brust, „Gold und Silber lieb’ ich sehr“, ein aktuelles „Börsenlied“, wie Moderator Oskar Mürell titelte.

Auch für den Poeten und Sangesfreund mit der sonoren Stimme fanden die Gastgeber einen würdigen Kollegen der nächsten Generation, Florian Reitz präsentierte die Auftritte der jüngeren Gruppierungen fachkundig sowie charmant. So dokumentierte er mit dem Teeniechor, dass der deutsche Pop erwachsen geworden und auf der internationalen Bühne angekommen sei. Ein Dutzend junger Mädchen hatte das „Hungrige Herz“ von Mia und den Hit „Still“ von Jupiter Jones einstudiert, aber auch aktuelle, englischsprachige Werke von Bruno Mars und Elton John.

Leider fehlte am Sonntag fast die Hälfte der Truppe, bedauerte Leiter Krausch. Die elfjährige Naomi Richter begleitete den Kreis zart am Cello. Nach der Pause begeisterten einmal mehr die engagierten Musiker des Jugendchors 2000 Obertshausen, ergänzten achtstimmig „Apologize“ von „One Republic“. Die jungen Leute glänzten mit heiterem Ideenreichtum auf ungewöhnlichem Niveau.

Als „neuer Kammerchor“ wird bereits der Chor ‘84 gefeiert. Mit viel Feingefühl interpretierte er „Viva la Musica“, Jazz und Jive. Zum Finale schwelgten alle Chöre und das Publikum zu Leonard Cohens „Halleluja“.

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