Mit der Zeit gegangen

Büchertreff geht seit 30 Jahren auf Kunden ein

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Dass sie Bücher mögen, darin sind sich Reinhard Kratz-Küchler, Anja Sauer und Monika Küchler (von links) vom Obertshausener Büchertreff einig. Bei den Genres dagegen unterscheiden sich die Geschmäcker.

Obertshausen - Wer in Obertshausen etwas Lesestoff braucht, kommt am Büchertreff an der Schulstraße kaum vorbei. Seit über 30 Jahren betreiben Monika Küchler und ihr Mann Reinhard Kratz-Küchler das Geschäft und haben sich dabei auch von der Konkurrenz aus dem Internet nie beirren lassen. Von Christian Wachter

5000 Bücher stapeln sich auf Tischen oder stehen in Reih’ und Glied in den Regalen. Den Wunsch einer Kundin allerdings – sie sucht nach weisen Worte von Konfuzius – vermögen sie nicht zu erfüllen. Aber kein Problem: Mit wenigen Klicks hat die Buchhändlerin zwei verschiedene Ausgaben bestellt, damit die Kundin am nächsten Tag in beide hineinschauen und sich dann für eine entscheiden kann. Ein Punktgewinn für den stationären Buchhandel gegenüber den Online-Händlern. Als Monika Küchler vor gut 30 Jahren den Büchertreff mit ihrem Mann Reinhard Kratz-Küchler eröffnete, ließ sich die Konkurrenz aus dem Internet noch nicht einmal erahnen. Über die damals noch an der Heusenstammer Straße stehende Ladentheke gingen 1986 Jahresbestseller wie Isabel Allendes „Das Geisterhaus“ oder Patrick Süßkinds „Das Parfüm“. Letzteres ist inzwischen Schullektüre.

Als die Menschen damit begannen, online zu bestellen, sagt Küchler, habe die Besucherfrequenz massiv nachgelassen. Zumindest seit einigen Jahren, ergänzt ihr Mann, sei der Andrang wieder stabil. Und die Buchhändler setzen viel daran, dass das auch so bleibt. Schon in den Anfangszeiten habe sie Lesungen organisiert, Autoren wie Franz Alt oder Rafik Schami eingeladen. Eine reine Lesung allerdings, weiß Monika Küchler, das funktioniert heute nicht mehr so wie früher. „Wir versuchen, ein Event daraus zu machen, arbeiten mit Kooperationspartnern zusammen und verbinden die Lesung zum Beispiel mit einem Essen oder einer Weinprobe.“ Außerdem organisieren sie das Pub-Quiz im Naturfreundehaus.

Auch ansonsten sind sie auf dem Laufenden, was den zeitgenössischen Anspruch der Kundschaft anbelangt: „Wir haben auch E-Book-Reader und verkaufen E-Books im Laden.“ Viele, so Kratz-Küchler, wüssten gar nicht, dass es das digitale Lesefutter auch in Buchhandlungen gibt. Er ist erleichtert darüber, dass die Buchpreisbindung – jene Regelung, nach der die Buchverlage einen Preis festsetzen, der dann für alle Händler verbindlich ist – auch für E-Books gilt. Mit Lokalkrimis kann man sich ebenfalls eindecken. Natürlich funktioniert das unmittelbar Regionale – Nele Neuhaus mit ihren Taunus-Krimis. Der Obertshausener blickt bei der Wahl der Lektüre aber selbstverständlich über den Tellerrand. „Die Weltautorin aus Bayern“, forderte einmal eine Kundin, sagt Monika Küchler. Sie meinte Rita Falk, deren Geschichten um den Kommissar Franz Eberhofer sich Menschen vom Bodensee bis Flensburg ins Regal stellen.

Tipps für die Kunden

Man lege aber generell Wert darauf, den Kunden auch Tipps abseits der Bestseller-Listen und Internetalgorithmen zu geben, betont ihr Mann. Gut, dass ihre Genrepräferenzen breit gefächert sind. Sie ist die Frau für die Krimis, er kennt sich mit Belletristik aus, und Anja Sauer, eine von zwei Angestellten, ist firm in Sachen Kinder- und Jugendbuch. Die Probe aufs Exempel besteht Kratz-Küchler und zieht auf die Bitte einer Empfehlung hin „Der große Glander“ von Stevan Paul aus dem Regal, erschienen beim Hamburger Independent-Verlag „Mairisch“. Unerwartet gibt’s auch da ein Stückchen Lokalkolorit. Der Verlag, weiß der studierte Soziologe, wurde von drei Nieder-Rodenern gegründet. Und einer von diesen hat eine Großmutter, die ihnen einst in hessischer Mundart empfahl, sich doch lieber um den Mairisch, das Unkraut, im Garten zu kümmern anstatt um Literatur.

OP auf der Buchmesse in Frankfurt: Bilder

Die Beratung weiß auch Bürgermeister Roger Winter zu schätzen, der an diesem Tag vorbeischaut. Bücher für Kinder mit Rathaus- oder Berufsbezug bräuchte er, damit er jungen Gästen etwas mitgeben kann. Schnell ist da auch etwas für die ganz Kleinen gefunden: Eine Bilderbuchreihe, die den Astronauten, Bäckern und Profi-Fußballern von morgen erste Orientierungshilfen gibt. Eine bebilderte Anleitung, um Buchhändler zu werden, ist nicht dabei. Leider handle es sich nicht gerade um den begehrtesten Beruf, sagt Monika Küchler bedauernd. Früher trudelten noch unaufgefordert Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz ein.

„Man sieht sich in der Branche immer wieder“

Umso schöner findet sie es, „wenn die Leute Leidenschaft haben.“ Die Heusenstammer Filiale, die sie 22 Jahre betrieben und schließlich abgaben, sieht sie bei einer ehemaligen Mitarbeiterin in guten Händen. Und auch Kollegin Anja Sauer ist eine langjährige Weggefährtin. Nachdem sie im Büchertreff ihre Ausbildung absolvierte, kehrte sie nach gut zehn Jahren in einer anderen Buchhandlung wieder zurück. „Es ist eine kleine Branche, man sieht sich immer wieder“, sagt Monika Küchler mit einem Lächeln.

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