„Da ist die Wut mittlerweile groß“

Unternehmer bekommt kaum Corona-Hilfen und muss von Erspartem leben

Will zurück in sein Element: Der Obertshausener Holger Lüning vermittelte vor Corona Sportreisen nach Teneriffa.
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Will zurück in sein Element: Der Obertshausener Holger Lüning vermittelte vor Corona Sportreisen nach Teneriffa.

Die Corona-Krise hat viele Betriebe stark angeschlagen. Ein Unternehmer aus Obertshausen macht seinem Ärger Luft.

Obertshausen – Holger Lüning fühlt sich alleingelassen. Der Unternehmer aus Obertshausen, der seit über zehn Jahren erfolgreich eine Touristikfirma für Sportreisen leitet, lebt nun schon seit über 16 Monaten von seinen Ersparnissen, da er kaum staatliche Hilfen erhält. Mittlerweile muss er bereits seine Altersvorsorge aufbrauchen, um mit seiner Familie über die Runden zu kommen.

Auch die sogenannte Neustarthilfe der Regierung für Selbstständige lässt weiterhin auf sich warten. Er stehe sinnbildlich für viele kleine Unternehmer, die vom Staat in der schwierigen Situation allein gelassen werden, glaubt er. Lüning ist in der Sportwelt kein Unbekannter. Er ist mehrfacher Deutscher Meister in seiner Altersklasse und schwamm früher in der Bundesliga-Mannschaft des Ersten Offenbacher Schwimm-Clubs (EOSC), hat auch schon mehrere Triathlon-Wettbewerbe des Iron Man erfolgreich gemeistert.

Unternehmer aus Obertshausen: Vor Corona lief das Geschäft gut

Mit den Kontakten aus seinem Sportleben bauten sich der Sportwissenschaftler und seine Frau Solveig 2009 ihre eigene Firma namens Allwetterkind auf. Er ist mit seiner Firma darauf spezialisiert, Sportreisen auf Teneriffa anzubieten. Dafür hat Lüning einen exklusiven Vertrag mit einem Trainingscamp vor Ort. Das Geschäft lief gut für den Obertshausener, er wurde Marktführer im deutschsprachigen Raum. Doch dann kam Corona. „Von einem auf den anderen Tag brach alles zusammen“, sagt der 55-Jährige. Lüning, der zu Beginn des ersten Lockdowns noch auf Teneriffa mit seinen Kunden war, reiste umgehend wieder zurück nach Deutschland, noch nicht wissend, dass er für lange Zeit nicht mehr richtig arbeiten darf. „Unsere Hauptsaison ist von November bis Mai, weil da die Sportler eine gute Gelegenheit für ein Training suchen, wenn es in Deutschland zu kalt ist.“ Und genau in dieser Zeit machte der zweite Lockdown vergangenes Jahr bei dem Unternehmer alle Hoffnungen auf ein baldiges Ende seiner Lage wieder zunichte.

Zwar habe er Anträge für die Überbrückungshilfe gestellt, allerdings kam davon kaum etwas an. Lüning: „Die Überbrückungshilfen sind ja vor allem da, um die Fixkosten zu decken, da ich und meine Frau von zuhause aus arbeiten, haben wir aber entsprechend wenig laufende Kosten.“ Zwar gebe es so kaum Ausgaben, aber eben auch keine Einnahmen. Doch von irgendetwas muss der Kühlschrank gefüllt werden. Deswegen lebt Familie Lüning nun von dem angesparten Vermögen der privaten Altersvorsorge. „Das sollte aber eigentlich nicht Sinn der Sache sein, so wie es aussieht, muss ich fünf Jahre länger arbeiten, um das aufzufüllen“, berichtet der 55-jährige.

Corona: Neustarthilfe bei Unternehmer aus Obertshausen bis heute nicht angekommen

Auch von der sogenannten Neustarthilfe hat er bisher noch keinen Cent gesehen, obwohl er den Antrag bereits Mitte April gestellt hat. Lüning, der auch mit vielen anderen Unternehmern in Kontakt steht, erzählt von dem Frust anderer Selbstständiger: „Viele fühlen sich, als ob sie für den Staat nichts wert sind; da ist die Wut mittlerweile groß.“

Das Regierungspräsidium Gießen, das für die Verteilung der Hilfsgelder wie das Neustartgeld verantwortlich ist, antwortet auf die Anfrage unserer Redaktion, dass die Hilfsgelder für die Firma von Lüning in Bearbeitung seien und innerhalb der nächsten Tage bewilligt werden.

„In der Neustarthilfe können Soloselbstständige und kleine Gesellschaften einmalig als Unterstützungsleistung 50 Prozent des im Vergleichszeitraum erwirtschafteten Referenzumsatzes erhalten. Die Neustarthilfe beträgt maximal 7 500 Euro für Soloselbstständige und Ein-Personen-Kapitalgesellschaften sowie maximal 30 000 Euro für Mehr-Personen-Kapitalgesellschaften“, so Regierungspräsidiumssprecher Thorsten Haas zum Umfang der Hilfen. Er empfiehlt generell allen Soloselbstständigen: „Wichtig ist, dass man sich für ein Programm, also Überbrückungshilfe III oder Neustarthilfe, entscheiden muss, daher sollte man sich zunächst gut informieren beziehungsweise auch beraten lassen, welches Programm im individuellen Einzelfall besser passt.“

Holger Lüning kann nun nur hoffen, dass sich das Geld bald auf seinem Konto befindet und nicht noch ein weiterer Lockdown bevorsteht. (Von Lukas Reus)

In Obertshausen leiden einige Betriebe unter der Corona-Pandemie. Der Verein „Stadtmarketing Obertshausen“ will betroffenen Helfen.

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