Katastrophale Verhältnisse

Das Schulwesen vom Ende des 19. Jahrhundert bis zur Gebietsreform

Das Foto zeigt die Fröbelschule vor dem Umbau 1950.
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Es war einmal: Das Foto zeigt die Fröbelschule vor dem Umbau 1950.

In der Chronik der Stadt Obertshausen berichtet der Heimat- und Geschichtsverein (HGV) über viele einstige Orte, zählt Fakten aus der Vergangenheit auf und sammelt interessante Anekdoten. In unserer Serie „Obertshausen einst“ reisen wir gemeinsam mit den Heimatforschern zurück – in dieser Ausgabe ins Schulwesens in der Gemeinde Hausen, vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gebietsreform 1977.

Obertshausen - Infolge der weiter steigenden Anzahl der Schulkinder reichten die in der alten Schule in der Obergasse (heute Kapellenstraße) vorhandene Räume um die Jahrhundertwende nicht mehr aus. Im Jahr 1902 wurde daher die Neue Schule an der Schulstraße, die spätere Friedrich-Fröbel-Schule, erbaut, bereits 1908 erweitert und 1913 umgebaut – aus einer Lehrerwohnung entstand ein zusätzliches Klassenzimmer. Im Jahr 1924 nahm die seit 1921 gesetzlich vorgeschriebene Mädchenfortbildungsschule den Unterricht auf, gleichzeitig stellte die Gemeinde erstmals einen Schuldiener ein. Zuvor hatten sich zeitweilig ältere Schulkinder um die Reinigung und ein Lehrer um die Heizung der Schulräume gekümmert.

Den Einfluss der Kirche auf Lehrer und Schüler kommentierte das sozialdemokratische Parteiorgan „Offenbacher Abendblatt“ 1930 folgendermaßen: „Habt Erbarmen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Es ist geradezu unerträglich, wie die hiesigen Schulen unter dem Druck der katholischen Geistlichkeit stehen. Lehrer oder Lehrerin, die hier eine Stelle antraten oder eine solche erhalten, müssen sich ohne Weiteres den Wünschen des Geistlichen unterordnen. Nicht minder geht es den Schulkindern während des Religionsunterrichts, aber auch außerhalb desselben. Anscheinend fallen dem Pfarrer Schwahn die nackten Kinderarme auf die Nerven. Bei der Fronleichnamsprozession in der vergangenen Woche hat sich folgendes abgespielt: Zwei Mädchen im Alter von zehn Jahren waren in ärmellosen Kleidern erschienen. Bevor der Zug sich in Bewegung setzte, hielt der Geistliche seinen Kleiderappell ab. Beim Anblick der beiden Mädchen nannte er sie ‚Ihr Dreckfinken‘.“ Ein Saal der alten Schule – der infolge der sinkenden Schülerzahl ab 1929 nicht mehr benötigt und fortan für kommunale Zwecke genutzt wurde – diente ab 1933 vorübergehend als Amtsraum für die Bürgermeisterei.

Auch in Hausen wurde die Schule ganz in den Dienst des nationalsozialistischen Staates genommen. Es erfolgte zudem die hinlänglich bekannte Zusammenarbeit mit der Hitlerjugend, um die Kinder und Jugendlichen aller Altersstufen ideologisch auszurichten. Bei der Sitzung des Schulvorstandes vom 19. September 1935 hieß es: „... insbesondere die Führer der Hitlerjugend werden gebeten, alle Mittel und Wege zu suchen, um die Kinder der Hitlerjugend zuzuführen und dieselben in dieser Bewegung zu halten. Zu diesem Zweck ist eine Aufklärung der Elternschaft sowie eine gute Führung der Hitlerjugend in Hausen ganz besonders angebracht. Nach den Ferien sollen Elternabende abgehalten werden, wobei die Elternschaft aufgeklärt werden soll“.

Während des Zweiten Weltkrieges und danach wurde die alte Schule zunächst als Notwohnraum für Evakuierte und Vertriebene genutzt, später zu einem Wohnhaus umgebaut. Damit standen der Schule nur noch drei Klassenräume zur Verfügung, die Kinderzahl aber war durch Zuzug erheblich gestiegen. Im Jahr 1948 mussten 317 Schülerinnen und Schüler in sieben Klassen von sieben Lehrkräften in zwei Schichten unterrichtet werden. Die Lehrmittel waren durch Kriegseinwirkungen fast völlig zerstört, die noch vorhandenen Einrichtungsgegenstände stammten zum Teil noch aus dem vorigen Jahrhundert. Kurzum: Die Schulverhältnisse waren katastrophal.

Jedoch schon wenige Jahre danach – 1949/50 – wurde die Schule an der Schulstraße, die heutige Fröbelstraße, großzügig umgebaut und erweitert. Für die gesamte Gemeinde war das kurz nach dem Krieg eine große Anstrengung – sogar die Schüler selbst halfen beim Ausheben der Baugrube mit. Während der Bauzeit wurde in den Räumen des heutigen katholischen Jugendheimes, in der Turnhalle des TV Hausen 1873 und zeitweise sogar im Saal des Gasthauses „Zum Goldenen Engel“ unterrichtet. Der Erweiterungsbau wurde mit einem großen dreitägigen Fest eingeweiht. Der unvermindert anhaltende Zuzug von Menschen erforderte jedoch schon bald neue Umbaumaßnahmen – im Jahr 1958 entstanden die Turn- und die Pausenhalle.

Fast gleichzeitig mit diesen Maßnahmen war mit dem Bau einer neuen Schule in Hausen begonnen worden. 1959 konnte der erste Teil dieser Unterrichtsanstalt, die wegen ihrer Lage am Wald den Namen Waldschule erhalten hatte, eingeweiht werden. Vier Jahre später entstanden zusätzlich eine Turnhalle, 1964 im zweiten Bauabschnitt zwölf weitere Klassenräume sowie ein Physikraum und eine Aula.

Im Januar 1968 erfolgte die Aufteilung der Volks- und Realschule Hausen in zwei selbstständige Schulen. Die Schule an der Schulstraße wurde zur Grundschule und erhielt den Namen „Friedrich-Fröbel-Schule, Grundschule Hausen“; die Schule an der Brückenstraße trug fortan die Bezeichnung „Waldschule Hausen, Haupt- und Realschule“. Fortsetzung folgt.  jmg

Infos

Die Geschichte zum Schulwesen in Obertshausen und Hausen bietet die zweite Auflage der Chronik „Obertshausen – Eine Zeitreise durch unsere Heimat“. Die Chronik kann per Mail an vorstand@hgv-obertshausen.de bestellt werden.

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