Bürgermeister im Odenwald-Städtchen Reinheim

Daumendrücken oder nicht für Ralph Pittich

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Ralph Pittich will Bürgermeister von Reinheim werden. Aussichtslos ist das nicht. Doch das Daumendrücken für den Vorsitzenden der Sängervereinigung ist ein zweischneidiges Schwert.

Obertshausen - Vor der Probe grübeln sie, ob sie ihrem Chef im Chor wirklich Glück wünschen sollten. Ihre Stimme können sie ihm jedenfalls nicht geben, dazu müssten sie eine Adresse in Reinheim haben. Von Michael Prochnow

Wo einst der Zug aus Offenbach über Obertshausen endete und das Odenwälder Lieschen fährt, da bewirbt sich Ralph Pittich für das Amt des Bürgermeisters. Das ist ihm zu gönnen - und auch wieder nicht. Denn gewinnt er die Wahl am 19. April, muss sich die Sängervereinigung Hausen einen neuen Vorsitzenden suchen. Es ist nicht so, dass er der Arbeit mit den drei Ensembles im Bürgerhaus überdrüssig wäre. Auch sein Job in der Geschäftsführung eines mittelständischen Unternehmens der Netzwerkbranche in Hainburg erfüllt ihn durchaus. „Ich werde bald 43“, beginnt Pittich, „da überlegst du dir halt, dass du noch etwas Neues machen kannst.“ Und das, was er bisher in seinem Leben getan hat, passe ganz gut zu seinem Plan, Rathauschef in Reinheim zu werden. Damit meint er sowohl sein ehrenamtliches als auch sein berufliches Engagement.

Ralph Pittich hat sein Abitur an der Offenbacher August-Bebel-Schule gebaut, begann dann eine Ausbildung zum Industrieelektroniker bei der Lufthansa. Nach dem Zivildienst bei der Awo studierte er zwei Semester Elektrotechnik, wechselte dann zur Betriebswirtschaft. In seiner Freizeit trainierte er bei der TGS Hausen Radsport, sang mehr als zehn Jahre beim Chor ‘84 der Sängerlust, war Sprecher dort und Schriftführer in der Sängervereinigung. Allein dieser Spagat zwischen den beiden Vereinen wäre vor Jahren noch unmöglich gewesen. Dass heute ein gutes Neben- und sogar ein Miteinander besteht, ist auch dem heutigen Vorsitzenden der Vereinigung zu verdanken. Auf andere Menschen zugehen, das übt er auch in seinem aktuellen Wohnort Schaafheim. Seit 2008 lebt er dort mit Ehefrau Nicole, seit drei Jahren ist er Vorsitzender der Schaafheimer CDU. Auch der Mittelstandsvereinigung der Union im zerklüfteten Landkreis Darmstadt-Dieburg steht er vor.

„In Hausen bin ich vereinsmäßig aktiv, dort politisch“, definiert er. Das könnte sich jedoch bald ändern. Auslöser war der Generalsekretär der Union Hessen, Manfred Pentz, der Pittich von der Situation in Reinheim erzählt hat. Der amtierende SPD-Bürgermeister wollte nach 30 Jahren aufhören, hatte sich aber überraschend anders entschieden. Dieser Schritt spaltete die Sozialdemokraten. Bislang gab’s im Parlament eine Mehrheit aus SPD und Grünen. Doch dann verließen sechs Sozialdemokraten ihre Fraktion und stimmen nun mit der Opposition. „Das blockiert die Entwicklung einer Stadt“, findet Pittich.

Roger Winter ist neuer Obertshausener Bürgermeister

Roger Winter ist neuer Obertshausener Bürgermeister

Das Städtchen mit rund 16.000 Einwohnern und fünf Stadtteilen am Eingang zum Odenwald stehe „wirtschaftlich nicht schlecht da“, wirbt der singende Politiker, „aber die Zukunftsperspektiven fehlen“. Viele Bürger verließen den Ort, „der demographische Wandel schlägt zu“. Der Bewerber war schon viel unterwegs in der Stadt, hat Veranstaltungen besucht, sich an Infoständen präsentiert. „Das Gesicht wird inzwischen erkannt“, bemerkt er, doch es wurden ihm auch schon Steine in den Weg gelegt: Ein großes Werbebanner mit seinem Konterfei musste entfernt werden.

2008 schloss er sich der CDU an, vorher war er Sympathisant. Der Union habe er sich zugewandt wegen des christlich angelegten Menschenbildes, den Werten und der Wirtschaftskompetenz. Er kritisiere allerdings auch Bundes- und Landespolitik, die den Kommunen Aufgaben „von oben herab“ übertrügen, deren Finanzierung nicht geregelt sei. „Ich möchte Kompromisse finden, auf Leute zugehen“, strahlt das Chor-Mitglied Zuversicht aus. Pittich möchte „’was bewegen, die Stadt nach vorne bringen“ und freut er sich auf die Herausforderung. Klar, dass das kein 40-Stunden-Job ist, dass man es nicht wegen des Geldes macht. Der Kandidat sieht’s als „Entscheidung, die das Leben verändert. Das gehört für mich einfach dazu“.

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