Deutsch-Afghanin Arian Anwari liest aus ihrem Buch

Die Geschichte einer Flucht

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Begleitet von Musikern tanzt Arian Anwari den Attan.

Obertshausen - Jetzt gibt‘s das Buch von Arian Anwari als gedruckte Version. Von Michael Prochnow 

Im Kleinkunstsaal des Bürgerhauses stellte die 25-jährige Egelsbacherin auf Einladung von SPD und Büchertreff „Attan - die Drehung des Lebens“ vor, die Geschichte ihrer vier Jahre andauernde Flucht und ein Tanz aus ihrer afghanischen Heimat. Es ist April 1992. Arian wird von einer Welt mit Hunger und Gewalt empfangen. Milizen kämpfen gegen die Zentralregierung in Kabul, stundenlang fliegen Raketen über das Haus der Anwaris. Aufenthalte im Freien sind gefährlicher denn je, die Bedrohung lauert vor der Tür. Nachbarn raten: „Flieht so lange ihr könnt!“ Arians Familie begibt sich Hals über Kopf auf einen zweistündigen Fußmarsch durch kalten Regen und knöcheltiefen Schlamm.

Die Schilderungen der jungen Frau gehen unter die Haut. Sie berichtet von Geschossen, die mit ohrenbetäubenden Lärm in Häuser einschlagen, von ihrem Vater, der das Fahrrad durch den Matsch schiebt, bis sie das Haus des Onkels erreichen. Zwei Tage und zwei Nächte bleiben sie dort, dann wagen sie die Rückkehr. Obwohl die Luftkämpfe zugenommen haben, das eigene Haus von Splittern übersät, die Räume verwüstet sind. Ein Brot am Tag muss für fünf hungrige Mägen reichen.

Im vergangenen Jahr hat Arian an der Fachhochschule Frankfurt den Bachelor in Soziale Arbeit abgeschlossen, ist in einem Integrationsprojekt der Stadt beschäftigt und engagiert sich in ihrem Wohnort Egelsbach in der SPD. Das Buch hat sie im August nach zwei Jahren mit der Dresdener Autorin Christine Fischer geschrieben und veröffentlicht. Vieles hat sie erst durch das Projekt von Eltern und Geschwistern erfahren.

„Hat man mit 25 nichts Besseres zu tun, als das Leben zu genießen, zu reisen“, überlegte sich die junge Frau. Angesichts der Flüchtlingsdebatte entschied sie aber, „da muss was gemacht werden“. Mitten im Schreiben ihrer Abschlussarbeit kämpfte sie gegen die Vorurteile, Flüchtlinge seien kriminell, Islam sei immer Terror. „Wer Familie, Freunde, sein Haus und alles zurücklässt, um ein friedliches Leben zu haben, der kommt nicht nur, um Kohle zu verdienen.“

Vier Jahre lang ist ihre Familie durch mehrere Länder gezogen. „Ich bin glücklich, dass ich am Leben bin, dass ich hier sitzen darf, dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar“, sagt sie. Zwei Monate leben die Anwaris bei einer Tante in Pakistan, einer Ärztin, die vielen Geflohenen hilft. Zurück in Afghanistan mieten sie eine Garage als Unterkunft. Durch Beziehungen gelangen sie nach Moskau, wo der siebenjährige Bruder Karim Zigaretten verkauft. Zweimal müssen sie ihn von ihrem bitter ersparten Geld von korrupten Polizisten aus dem Gefängnis freikaufen. Dann gelangen sie nach Deutschland, einer nach dem anderen, zuletzt Arian und der Vater.

Ihre erste Wohnung liegt in der Eifel, die Eltern leben noch dort. In dem Dorf sind sie die einzigen Ausländer, „wir waren eine Attraktion“. Es hat lange gedauert, bis sie von den Mitbewohnern akzeptiert wurden. „Wir haben afghanisches Essen zubereitet, Musik und Tanz vorbereitet und die Nachbarn eingeladen“, erzählt Arian. „Jetzt ist das Leben viel angenehmer“. Für die Integration, antwortet sie auf eine Frage ihrer Arbeitskollegin und Freundin Stella Wendland, komme es auf den Bildungsstand an und woher die Familie stamme. „Ich hatte Glück, meine Mutter war Bankkauffrau, mein Vater Tontechniker, so haben sie einen sehr weiten Horizont.“

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Es sei durchaus schön, zwischen zwei Kulturen aufgewachsen zu sein. „Ich bin eine stolze Afghanin, aber auch eine stolze Deutsche. Warum soll ich mich für mein Land schämen, weil es von wildfremden Menschen zerstört wird?“ Die Autorin wünscht sich, einmal nach Afghanistan zurückzukehren, „aber es ist sehr gefährlich“. Was sie ihren Lesern mitgeben möchte? „Die Vielfalt! Lasst uns doch einfach allen zeigen, dass Deutschland vielfältig ist, lasst uns Fremde willkommen heißen“. Von dem kleinen Teil der Gegner, appelliert die SPD-Politikerin, „dürfen wir uns nicht aus der Bahn reißen lassen“.

Sie nimmt die rund 40 Besucher noch weiter mit in ihre erste Kultur, tanzt einen Attan, wirbelt zu den Klängen zweier Musiker übers Linoleum: „Das Leben dreht und wendet sich vom Schlechten zum Guten.“

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