Ein Jahr in Obertshausen

DHL-Paketzentrum: Gelber Gigant feiert Geburtstag

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Ein Hufeisen der Superlative: Am 15. Juni 2016 eröffnete im Obertshausener Gewerbegebiet Herbäcker Deutschlands größtes DHL-Paketzentrum. In der Spitze können dort etwa 50 000 Sendungen pro Stunde über die Förderbänder flitzen – im Durchschnitt sind es aber weniger.

Obertshausen -  Für die einen ist es ein Problemriese, für die anderen der fleißigste Gigant der Welt: Heute vor einem Jahr erwachte das DHL-Paketzentrum in Obertshausen zum Leben. Der größte Verteilkomplex Deutschlands sorgt noch immer für Diskussionsstoff. Von Eva-Maria Lill und Claudia Bechthold

„Hervorragend“, sagt Standort-Leiter Holger Rehberg. „Belastend“, meint Heusenstamms verkehrsgeplagter Bürgermeister Halil Öztas. Fünf Fußballfelder ist er groß, der Post-Riese, der zwischen Obertshausen und Heusenstamm auf der Wiese hockt. Am 15. Juni 2016 ist er aus dem Bauschlummer aufgeschreckt. Seitdem sendet er täglich etwa 600 Lkw-Gehilfen aus, die seine Pakete verteilen. Klar, dass bei so vielen Boten aus geschäftigem Wuseln rasch Chaos wird. Besonders die Staus entlang der Landesstraße L3117 in Richtung A3 sorgen bei Pendlern fast jeden Morgen für geschwollene Zornesadern. Oft quetscht sich der Berufsverkehr bis zur Heusenstammer Stadtgrenze, das Nadelöhr aus drei Ampeln hilft da nicht weiter.

Das stört auch die Politik. Die Schlossstadt leide unter dem Betrieb des Zentrums, sagt Heusenstamms Bürgermeister Halil Öztas (SPD). Obertshausen habe ein Gewerbegebiet entwickelt, ohne dass die Verkehrssituation ausreichend geklärt worden sei. Er wünscht sich praktikable Lösungen und sieht den Post-Konzern in der Pflicht. Auch Obertshausens Rathauschef Roger Winter (parteilos) nimmt das Verkehrsproblem „sehr ernst“. Er sei im „regen Austausch mit der DHL“ und suche nach gemeinsamen Lösungen.

Passend zum ersten Geburtstag des Mega-Zentrums am Donnerstag verspricht DHL-Pressesprecher Stefan Heß Besserung. „Diese Staus dürften der Vergangenheit angehören“, sagt er. Denn: Der Konzern habe eine „Pufferzone“ eingerichtet und führe den Lkw-Verkehr auf zwei Spuren um das Riesengebäude herum. Das könne die Zufahrtsstraßen erheblich entlasten.

Ärger über Müll und abgestellte Lkw

„Das grundsätzliche Problem mit dem Verkehr ist aber ein politisches“, spielt Heß auf den rege diskutierten A3-Ausbau von sechs auf acht Spuren an. Der liegt mal wieder auf Eis, nachdem Verkehrsminister Tarek Al-Wazir ihm im Bundesverkehrswegeplan keine Priorität eingeräumt hatte. Auch Öztas gräbt das A3-Argument aus: „Wir hoffen, dass mit dem Ausbau auch neue Zufahrten zur Autobahn an dieser Stelle entstehen“, wünscht sich der Heusenstammer Rathaus-chef.

Doch damit nicht genug. Probleme hat Obertshausens Nachbarstadt seit der Eröffnung des Zentrums nämlich vor allem mit schlummernden Fahrern, die – um ihre Ruhezeiten einzuhalten – ihre Lkw abstellen. Und das nicht nur im Gewerbegebiet Zwerggewann nahe Martinsee. Abgesperrte Randstreifen haben laut Roger Winter zwar bereits Wirkung gezeigt, Öztas ist trotzdem sauer. „Die Fahrer zerstören dort mit den schweren Fahrzeugen die Gehwege, fahren immer wieder Laternenmasten an, hinterlassen Müll und Exkremente. Für diese Schäden kommt niemand auf, auch nicht die DHL.“

Er appelliert an den Konzern, auf ihrem Gelände genügend Parkplätze für müde Fahrer zur Verfügung zu stellen. „Wir suchen da nach Lösungen“, stellt DHL-Sprecher Heß klar. Es gebe Gespräche und „gute Ideen, wie wir das Problem lösen könnten“. Allerdings: Eine ähnliche Antwort erhielt unsere Zeitung bereits im Februar vom Post-Konzern. Damals hieß es, die DHL suche das Gespräch mit den Stadtherren Öztas und Winter. Eine gemeinsame Marschrichtung scheint noch nicht gefunden.

Rekorde im Paketzentrum

Ohnehin ist die Geschichte des Paketzentrums eine für geduldige Zuhörer. Eigentlich sollten schon 2014 erste Pakete rollen, doch die Eröffnung des 40.000 Quadratmeter großen Baus verzögerte sich immer wieder. Am 15. Juni 2016 erwachte der Riese. Knatterte, surrte, summte. Piepte einmal, zweimal, hundertmal und griff mit Stahlarmen nach seiner Fracht.

Das „Paketzentrum 34 Obertshausen“ ist auch nach zwölf Monate am Post-Netz ein Vorzeigeprojekt für die DHL. Nicht nur in Deutschland, sondern in Europa. Es sei das einzige und erste mit einer theoretischen Sortierkapazität von 50.000 Sendungen pro Stunde, heißt es in einer Pressemitteilung zum ersten Geburtstag.

Rekorde überall, zumindest jedoch auf dem Papier: Im Durchschnitt knattern täglich „bloß“ 400.000 Passagiere über drei mehr als sechs Kilometer lange „Sorter“. Diese intelligenten Laufbänder sind eine der Neuerungen im Technikwunderkomplex in Obertshausen. Sie sind in Parzellen unterteilt, die Informationen über das Paket speichern, das gerade auf ihnen durch die Halle saust.

DHL-Zentrum in Obertshausen eröffnet: Bilder

Wie der Name verrät, sortieren die „Sorter“ auch – nämlich die tonnenweise ins System gekippten Passagiere. Da kann’s passieren, dass die Päckchenseite mit Adressaufkleber links, rechts, oben, unten liegen bleibt. Dafür gibt’s sechsseitige Scanner, die rote Lichtstreifen durch die Halle werfen. „In Obertshausen sind wir völlig neue Wege gegangen, sowohl was die Größe als auch was die Technik betrifft“, sagt Standortleiter Holger Rehberg.

Etwa 600 Mitarbeiter arbeiten in dem Mega-Zentrum und sorgen dafür, dass die Pakete da landen, wo sie hin sollen. Holger Rehberg, Leiter des Standorts Obertshausen, sieht nach dem Rechten.

Das Zentrum teilt sich grob in zwei Bereiche: In einem landen Pakete, die aus der Region ins weite Deutschland wollen. Im anderen liegen solche, die in Obertshausen darauf warten, per Laster an Zustellbasen verteilt zu werden. Davon gibt es in der Region elf, in Florstadt, Frankfurt (drei Stück), Fulda, Hanau, Hattersheim, Heppenheim, Lollar, Oberursel und Offenbach, 55 weitere in Rhein-Main. Knapp zwei Millionen Menschen werden so von Obertshausen aus versorgt, auch im Vogelsberg und Taunus.

Eine erste „Feuerprobe“ habe das Zentrum übrigens bereits bestanden, sagt DHL-Sprecher Heß. Beim Weihnachtsgeschäft seien etwa 700.000 Pakete täglich übers Band gerannt. Dadurch habe Obertshausen sogar andere Zentren entlastet. Stolz ist die DHL auch auf die 600 geschaffenen Arbeitsplätze. „Das ist ein Wachstumsmarkt“, verdeutlicht Heß. „600 ist noch nicht das Ende.“

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