Viele strafversetzte Lehrer

Die Entstehung des Schulwesens im Obertshausener Stadtteil Hausen

Das Schulwesen in Hausen: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Hausener Kinder im Obergeschoss des Gasthauses „Zur Sonne“ unterrichtet. Das Bild zeigt eine Lithografie von etwa 1900. Franz Alois Guthier (rechts) war von 1890 bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1930 Lehrer in Hausen.
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Das Schulwesen in Hausen: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Hausener Kinder im Obergeschoss des Gasthauses „Zur Sonne“ unterrichtet. Das Bild zeigt eine Lithografie von etwa 1900. Franz Alois Guthier (rechts) war von 1890 bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1930 Lehrer in Hausen.

In der Chronik der Stadt Obertshausen berichtet der Heimat- und Geschichtsverein (HGV) über viele einstige Orte, zählt Fakten aus der Vergangenheit auf und sammelt interessante Anekdoten. In unserer Serie „Obertshausen einst“ reisen wir gemeinsam mit den Heimatforschern zurück – in dieser Ausgabe in die Geschichte des Schulwesens in der Gemeinde Hausen, von den Anfängen bis zum 19.Jahrhundert.

Obertshausen - Während aktuell darüber diskutiert wird, ob Präsenz- oder Distanzunterricht in der gegenwärtigen Lage die bessere Wahl ist, mussten sich die Schüler vor dreihundert Jahren mit deutlich widrigeren Gegebenheiten auseinandersetzen. Wie schon im Beitrag über die Anfänge des Schulwesens in Obertshausen berichtet, nahmen sich im Zuge der Reformation die Landesherren nach und nach der Erziehung ihrer Untergebenen an. So ließ auch der Kurfürst und Erzbischof von Mainz überall bei den Pfarrkirchen Schulen errichten. Da Obertshausen und Hausen zu dieser Zeit noch Lämmerspiel angeschlossen waren, wurden die Kinder fortan dazu angehalten, zweimal in der Woche die dortige Schule zu besuchen. Ab dem Jahr 1632 hatten die Kinder aus Obertshausen einen eigenen Lehrer. Die Buben und Mädchen aus Hausen mussten sich allerdings noch weitere hundert Jahre gedulden. Erst 1733 erhielt die Gemeinde Hausen, die inzwischen in den Besitz der Herren von Schönborn übergegangen war, die Genehmigung zur Einrichtung einer „eigenen“ Schule. Interessanterweise fällt dieses Datum fast genau auf das Jahr, in dem die erste Kirche gebaut wurde. Denn der Grundstein für das Hausener Kappellchen wurde im Jahr 1728 gelegt.

Unterrichtsstätte war ein großes Zimmer im ersten Stock des Privathauses des ersten Hausener Lehrers Johann Ott. Dieser war verantwortlich dafür, dass die Schüler „lesen und schreiben lernen, im Katechismus und in der Christenlehre unterrichtet werden und dass sie sich in der Schule, in der Kirche und auf der Straße ordentlich benehmen“. Das Gebäude, in dem der Unterricht stattfand, stand in der Obergasse, der heutigen Kapellenstraße. Dort wurden die Kinder von 1733 bis 1817 unterrichtet.

Im Jahre 1759 starb Hausens erster Schulmeister im Alter von 68 Jahren, Nachfolger wurde sein Sohn Johann Peter Ott. Wie zuvor sein Vater erhielt er von jeder Familie im Laufe des Jahres zwei Laib Brot und von den Eltern eines jeden schulpflichtigen Kindes 40 Kreuzer Schulgeld. Jeder Bauer, der ein Gespann besaß, musste für ihn jedes Jahr wenigstens eine Fuhre im Gemarkungsgebiet kostenlos leisten. Aus einer Stiftung der Gräfin Maria Theresia von Schönborn erhielt der Hausener Schulmeister jährlich 20 Gulden. Da er gleichzeitig noch als Küster und Organist fungierte, erhielt er für jede Messe zusätzlich vier Kreuzer. Gegenüber der übrigen Bevölkerung genoss er weitere Vergünstigungen: Er war von allen Frondiensten befreit, musste keine Botengänge verrichten und hatte weder Kopfgeld noch andere Abgaben zu zahlen. Sein Vieh war „bring frei“, wurde also kostenlos mit auf die Weide genommen.

Nach 58 Dienstjahren starb Johann Peter Ott im Jahre 1817. Sein Nachfolger Georg Franz Metz war der erste beruflich vorgebildete Lehrer in Hausen. Er konnte seine Tätigkeit jedoch nicht sogleich aufnehmen, da der Gemeinde kein eigenes Schulgebäude zur Verfügung stand. Von 1819 bis 1820 erfolgte der Unterricht daher zunächst im Obergeschoss des Gasthauses „Zur Sonne“, dann erwarb die Gemeinde durch Kauf und Tausch das Gebäude der früheren Lehrerfamilie Ott und das halbe Hirtenhaus.

Da die Schülerzahl ständig wuchs, wurde im Jahre 1839 hinter der bisherigen Schule ein neues Gebäude errichtet, das 1875 der erneut angewachsenen Kinderzahl wegen aufgestockt werden musste. Es besaß nun zwei Klassensäle und eine Lehrerwohnung. Die Kinder wurden fortan von zwei Lehrern in zwei Klassen unterrichtet.

Im Jahre 1867 sollte der Turnunterricht an den Schulen eingeführt werden. Elternschaft und Schulvorstand in Hausen wehrten sich jedoch heftig dagegen mit der Begründung, den Kindern würde dann nicht mehr genügend Zeit für die Feldarbeit zur Verfügung stehen.

Der Handfertigkeitsunterricht für Mädchen wurde 1878 eingeführt, vier Jahre später eine Knabenfortbildungsschule. In den Wintermonaten sollten die Jungen, die tagsüber in Offenbach arbeiteten, dreimal abends ab 20 Uhr ein bis zwei Stunden am Unterricht teilnehmen. Weil die Schüler aber offenbar häufig einschliefen, wurde der Unterricht 1887 auf Sonntagnachmittag und später auf Sonntagvormittag nach dem Gottesdienst verlegt.

Von 1733 bis 1858, also über einen Zeitraum von 125 Jahren, waren an der Schule in Hausen nur drei Lehrkräfte tätig, in den folgenden 42 Jahren bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren es 15 Lehrer. Außer einem blieb keiner längere Zeit in Hausen, was durchaus nachteilig für die Schule sowie für die Erziehung und Bildung der Kinder war. Dazu kam, dass die meisten Lehrer, die im 19. Jahrhundert nach Hausen kamen, dorthin strafversetzt wurden. Dies änderte sich erst durch Franz Alois Guthier, der von 1890 bis zum Ruhestand im Jahr 1930 dort tätig war. Fortsetzung folgt. ron

Infos

Die ganze Geschichte zum Schulwesen in Obertshausen und Hausen sowie alte Ortsansichten bietet die Chronik „Obertshausen – Eine Zeitreise durch unsere Heimat“. Sie ist in Obertshausen beim BücherTreff, in Hausen bei „Hoffmann-schreiben-spielen-schenken“ und beim Jäger-KFZ-Service (ARAL) oder kann per Mail an vorstand@hgv-obertshausen.de bestellt werden.

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