„Schulscheite“ fürs Klassenzimmer

Die Entstehung des Schulwesens in Obertshausen

Die Alte Schule wurde 1881 im Hinterhof der Waldstraße 1 erbaut und 1897 aufgestockt.
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Die Alte Schule wurde 1881 im Hinterhof der Waldstraße 1 erbaut und 1897 aufgestockt.

In der Chronik der Stadt Obertshausen berichtet der Heimat- und Geschichtsverein (HGV) über viele einstige Orte, zählt Fakten aus der Vergangenheit auf und sammelt interessante Anekdoten. In unserer Serie „Obertshausen einst“ reisen wir gemeinsam mit den Heimatforschern zurück – in dieser Ausgabe in die Geschichte des Schulwesens in der Gemeinde Obertshausen, von den Anfängen bis zur Gebietsreform 1977.

Obertshausen - Den „Startschuss“ für die Anfänge der Schulbildung für die breite Bevölkerung war auch für Obertshausen die Reformation im 16. Jahrhundert. Bis ins Mittelalter war Bildung Sache der Kirchen gewesen. Klosterschulen unterrichteten neben Novizen auch zahlende Schüler. Erst mit der Reformation wurde die Forderung nach allgemeine Schulen für Jungen und Mädchen laut, die Landesherren nahmen sich nach und nach der Erziehung und des Unterrichts an.

Auch der Kurfürst und Erzbischof von Mainz ließ neben den Pfarrkirchen Schulen errichten. Für die Bewohner von Obertshausen und Hausen, die damals noch Filialgemeinden ohne eigene Pfarrkirche waren, bedeutete dies zunächst den Weg zu ihrem Pfarrort im benachbarten Lämmerspiel, berichtet die Chronik. Religion, Lesen und Schreiben waren die Unterrichtsfächer, erst später kam Rechnen dazu. Im Salbuch 92e des Amtes Steinheim ist bezeugt, dass im Jahr 1633 „die Obertshäuser einen aygen Schullmeister gedingt haben.“ Dieses Datum markiert den Beginn des eigentlichen Schulwesens im Ort.

Für die Zeit nach dem 30-jährigen Krieg ist der Name Lucas Leiß überliefert, der vermutlich irgendwann nach 1660 bis zu seinem Tod im Jahr 1697 als Lehrer in Obertshausen tätig war. „Ludirector“ (Schullehrer) Johann Peter Appel wurde sein Nachfolger, im Sommer 1715 kam Johann Michael Wolff als Lehrer nach Obertshausen. Da die Kinder immer noch auf den Feldern mitarbeiten mussten, setzte Wolff den Unterricht auf die frühen Morgenstunden zwischen sechs und neun Uhr an. Da es keine allgemeine Schulpflicht gab, war auch dies nicht von allzu großem Erfolg gekrönt, berichtet die Chronik.

Sie erzählt auch von regelrechten „Lehrer-Dynastien“. Denn nicht selten stand in dieser Zeit der Sohn dem Vater als Lehrer-Gehilfe zur Seite, gewissermaßen als Lehrling oder Geselle, und trat dessen Nachfolge an. So auch in Obertshausen ab etwa 1722 durch Schulmeister Johann Adam Lanio. Dessen Sohn Sebastian Lanio, wirkte von 1769 an und gab das Amt später an seinen Sohn Jakob weiter. Nach 56-jähriger Tätigkeit als Schullehrer verließ dieser Obertshausen 1825. Zuvor erlebte er noch den Bau des Schulhauses an der heutigen Wilhelmstraße Ecke Bahnhofstraße um das Jahr 1809. Es war der erste Backsteinbau im Ort. Im September 1823 kam der erste, im Seminar zu Bensheim ausgebildete Lehrer nach Obertshausen: Johann Hindelang wirkte dort 47 Jahre lang. Für ihn wurde das Schulgebäude aufgestockt und um eine Lehrerwohnung erweitert. Die damals einklassige Schule besuchten 34 Schüler, vermerkt die Chronik.

Um die Heizung Baus war es schlecht bestellt. In besonders strengen Wintern brachten die Kinder täglich einen „Schulscheit“ mit. Daraus erwuchs neben dem Schulgeld die als „Schulholzgeld“ bezeichnete Abgabe.

Da die Bevölkerung stetig wuchs, reichte die vorhandene Schule schon bald nicht mehr aus. Zunächst wurde in den Jahren 1875/76 ein weiteres Haus in der heutigen Waldstraße 1 erbaut, das wegen der beengten Verhältnisse schnell „Mäusesälchen“ genannt wurde. Im ersten Stock wurde eine weitere Lehrerwohnung eingerichtet, die der Hauptlehrer Quirin nutzen durfte, während der zweite Lehrer Beichert im Dachgeschoss des alten Schulhauses wohnte. Vier Klassen wurden jetzt unterrichtet. Jedoch war bereits nach wenigen Jahren der vorhandene Schulraum wieder zu klein. 1881 wurde deshalb eines weiteren Schulgebäudes im Hinterhof der Waldstraße 1 errichtet. Das zunächst eingeschossige Haus erhielt 1897 einen weiteren Stock und eine Mansarde.

Um die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert sah sich die Gemeinde Obertshausen erneut zum Bau eines weiteren Schulgebäudes an der Schulstraße gezwungen. Mit dessen Einweihung im Jahre 1908 – dem ersten Bauabschnitt der heutigen Joseph-von-Eichendorff-Schule – konnten vier weitere Säle genutzt werden, dazu ein kleines Lehrerzimmer sowie ein Lehr- und Lernmittelraum. In seiner ersten Form bestand es bis 1952.

Die Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg waren von Raumnot, Lehrermangel und überfüllten Klassen bestimmt. Im Jahr 1952 wurde zunächst ein großer Anbau eingeweiht und das alte Gebäude renoviert. Ende 1962 kamen dann ein großer Neubau, die heutige Mehrzweckhalle und das Lehrschwimmbecken hinzu.

Zu Beginn des Jahres 1963 gründeten Obertshausen und Hausen zur Einrichtung einer gemeinsamen Förderstufe in Obertshausen und einer Realschule in Hausen einen Schulzweckverband. 1965 verließen die ersten Schüler die Förderstufe in Obertshausen, die Realschule nahm in der Waldschule Hausen ihre Arbeit für beide Gemeinden auf. Im Dezember1969 wechselte die Schulträgerschaft an den Kreis Offenbach.

Der starke Bevölkerungszuwachs in den Jahren ab 1960 führte zu einer echten Schulraumnot in Obertshausen. Zeitweise mussten Ersatzräume im Feuerwehrgerätehaus und im Rathaus genutzt werden. So entschlossen sich die Gemeindevertreter Mitte der sechziger Jahre zum Bau einer zweiten örtlichen Schule. Die alte Schule erhielt daraufhin den Namen Joseph-von Eichendorff-Schule. Die neue konnte nach nur einjähriger Bauzeit im November 1969 als Sonnentauschule eingeweiht werden.

Weitere Geschichten bietet die Chronik „Obertshausen – Eine Zeitreise durch unsere Heimat“, die im örtlichen Buchhandel sowie per Mail an vorstand@hgv-obertshausen.de erhältlich ist.  thh

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