Echte Inklusion gefordert

Familie berichtet vom Leben mit Down-Syndrom-Kind

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Familienausflug: So oft es geht, versuchen die Lochners etwas mit ihrem Sohn Mark zu unternehmen.

Obertshausen – „Es ist schon schwierig“, sagt Ingrid Lochner und wirkt dabei fast ein wenig schuldbewusst. Rund ein Jahr ist es nun, seit die Mutter von zwei Kindern ihren Sohn Mark nicht mehr täglich um sich hat. Von Thomas Holzamer

Denn seit Anfang 2018 lebt der 33-Jährige mit Trisomie-21 (Downsyndrom) in der Einrichtung des Wohnverbunds Obertshausen an der Adenauerstraße. Zwar hat sich Mark inzwischen ein wenig eingelebt, so ganz einfach ist es jedoch weder für ihn als auch für seine Eltern bis heute nicht. „Wir haben uns schon seit Marks Geburt für die Inklusion engagiert“, erläutert Karl-Heinz Lochner. So viel wie möglich im Leben ihres Sohnes sollte nicht anders ablaufen als bei anderen Kindern, auch wenn das nicht immer leicht war. „Wir haben seinerzeit schon viel Diskriminierung erlebt“, erinnert sich der Ende Sechzigjährige.

Dennoch haben sich die beiden Dietzenbacher damals dafür stark gemacht, dass ihr Sohn einen regulären Kindergarten und die Schule besuchen darf – zunächst mit Erfolg. Jedoch finden sie im Kreis Offenbach später keine weiterführende Schule, die Mark aufnehmen möchte, bekommen in ihrer Heimatstadt sogar einmal zu hören, man habe bereits genug Probleme mit der Integration ausländischer Kinder und könne nicht noch mehr brauchen, erinnert sich Ingrid Lochner.

Letztlich blieb nur der Wechsel auf die Frankfurter Michaelschule. Doch der tägliche Weg zu der Waldorfschule war nicht gerade kurz. Zu Anfang müssen die Lochners ihren Sohn noch selbst fahren. Auch Freundschaften zu seinen Mitschülern aufzubauen, war durch die Distanz nicht einfach. Das war in der Grundschule in Marks Heimatstadt Dietzenbach noch an der, erinnert sich seine Mutter. „Dort haben die anderen Kinder Mark gleich am Anfang kennengelernt und hatten die Gelegenheit zu erfahren, wie er ist und mit seiner Behinderung umzugehen“, erzählt sie.

Denn Inklusion ist mehr als die bloße Integration. „Bei der Integration geht es gewissermaßen darum, jemanden der außen steht, in den Kreis zu holen; wirkliche Inklusion ist zu akzeptieren, dass derjenige schon immer Teil des Kreises war“, erläutert Karl-Heinz Lochner.

Das habe im heimischen Umfeld immer gut funktioniert. Zuhause war Mark bekannt und bei vielen beliebt, konnte auch alleine zum Supermarkt um die Ecke und vor die Tür gehen. „Viel Freude hat ihm sein Sport gemacht“, sagt sein Vater. So besucht der 33-Jährige regelmäßig einen Tanzkurs für Behinderte in Dreieich. Auch nach seinem Umzug in das Obertshausener Wohnheim fahren ihn die Eltern regelmäßig dorthin, denn der Landeswohlfahrtsverbund übernimmt nur 50 Euro im Monat an Kosten. Doch den Sport – für Mark ein wichtiger Lebensmittelpunkt – wollen ihm die Eltern ermöglichen.

Mit Handicap zwei- oder dreirädrig schnell unterwegs

Doch trotz des Mehraufwands haben sich die Lochners bewusst für den Obertshausener Wohnverbund entschieden. „Es ist ein tolles Haus mit einem super Team, das nicht selten an der Grenze des Möglichen arbeitet und trotzdem noch neue Wege unterstützt“, lobt Marks Mutter. „Wir nähern uns beide dem fortgeschrittenen Lebensalter und wissen, dass wir nicht ewig für unseren Sohn da sein können“, erläutert ihr Mann. Gemeinsam wollten sie ihrem Sohn die Umgewöhnung so einfach wie möglich machen.

„Mark ist ein sehr sozialer, offener Mensch und auch kommunikativ, aber das Problem ist, dass er oft nicht sehr gut zu verstehen ist“, beschreibt der Vater. Es habe drei Monate gebraucht, bis sein Sohn verstanden habe, dass er nun in der Einrichtung wohnt. „Wir haben ihm erklärt, dass es ist, wie bei seiner Schwester, die auch erwachsen ist und ihre eigene Wohnung hat“, sagt Ingrid Lochner.

„Doch Leben in der Einrichtung, so gut sie auch sein mag, ist eher Isolation als Inklusion“, beschreibt Karl-Heinz Lochner, der sich wünschen würde, dass es mehr Möglichkeiten für behinderte Menschen gäbe am Leben teilzunehmen. Dafür setzt sich der noch junge Förderverein des Wohnverbunds ein, dem sich auch die Lochners angeschlossen haben. Ziel der Aktiven ist es, vor allem mit Sport- und Freizeitangeboten ein wenig Abwechslung in den Alltag der Bewohner zu bringen. Wer das Team dabei unterstützen will, meldet sich bei Stefanie Moritz-Hagen unter Tel.: 06102/ 34537 oder an mo53@gmx.net.

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