Geschichte greifbar machen

Ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier spricht vor Schülern der GKS

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Kleine Frau mit großer Botschaft: Freya Klier berichtet in der Georg-Kerschensteiner-Schule von ihren Erfahrungen aus der DDR-Zeit. 

Obertshausen – Es ist Unterricht der etwas anderen Art, den sechs dreizehnte Klassen der Georg-Kerschensteiner-Schule an diesem Morgen in der Aula der Bildungseinrichtung erleben. Von Patrick Eickhoff

Denn die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier berichtet von einer Zeit, die die Schüler sonst nur aus Filmen und Büchern kennen. „Im Geschichtsunterricht ist es schwieriger, den Stoff greifbar zu machen“, sagt Lehrerin Monika Wedell. Deshalb habe man – nach dem großen Erfolg und Interesse im vergangenen Jahr – gemeinsam wieder bei Freya Klier angefragt. „Sie hat sich sofort bereit erklärt – das freut uns natürlich sehr“, berichtet Wedell.

Freya Klier erblickt am 4. Februar 1950 in Dresden das Licht der Welt, verbringt wegen der Inhaftierung ihres Vaters ihre Jugend im Kinderheim. Nach dem Abitur unternimmt sie einen Fluchtversuch, sitzt im Knast, wird bespitzelt („Das Misstrauen zog sich durchs ganze Land“), verfolgt, bedrängt und bedroht. Freya Klier hat praktisch alle Facetten des Stasi-Staats kennenlernen müssen, weil sie sich immer wieder gegen das Unrecht zur Wehr setzte. Heute ist sie Autorin und Regisseurin, hat sich in Dokumentationen mit der Flucht aus der Sowjetunion beschäftigt. „Eine bekommt ihr später auch zu sehen“, verrät sie in ihrem Vortrag.

Es mag zwar für den ein oder anderen Schüler eher eine Ablenkung vom Alltag sein, ein Großteil der jungen Erwachsenen lauscht jedoch gespannt, wenn die 69-Jährige von ihren Erfahrungen spricht. Davon wie bereits in jungen Jahren die Gehirnwäsche begonnen hat. Davon wie jedes Kind mehrmals am Tag mit dem Gesicht zur Wand stehen musste. Oder wie sie ihrem eigenen Bruder auf der Treppe nicht mal „Hallo“ sagen durfte. „Manchmal standen wir in den Pausen einfach draußen und haben uns umarmt, weil wir uns sonst nicht gesehen haben.“

Doch es ist kein reiner Informationsvortrag, dem die künftigen Abiturienten da lauschen. Freya Klier weiß, wie sie die Aufmerksamkeitsspanne der Jugendlichen am Leben hält. Sie bindet sie kurzerhand in eine Szene mit ein. Gemeinsam mit zwei Schülern stellt sie die Durchsuchung der Rucksäcke und Taschen dar, die in der DDR vor Unterrichtsbeginn so üblich war. „Ich habe etwas entdeckt Frau Klier“, stellt einer der beiden Kontrolleure fest. „Dieses Heft mit Texten der Rolling Stones war in der Tasche versteckt.“ Für Klier ist der Fall klar. „Wem gehört dieser Rucksack?“, fragt sie. Um kurze Zeit später dem Schüler zu erklären, dass er nicht nur von der Einrichtung verwiesen, sondern in Zukunft für drei Jahre in einer Fabrik arbeiten wird.

Abiplakate der Georg-Kerschensteiner-Schule in Obertshausen

Doch es bleibt nicht nur ernst. Denn mit einer Frage bringt die Autorin das gesamte Publikum zum Lachen. „Was macht ihr denn im Unterricht?“, fragt sie, nachdem das Auditorium bei Josef Stalin etwas unsicher antwortet. Da erntet so mancher Lehrer einen nicht ganz ernst gemeinten, vorwurfsvollen Blick der eigenen Schüler. Doch auch Monika Wedell und ihre Kollegen schmunzeln.

Kurz danach stellt Freya Klier den Unterrichtsbeginn der sogenannten Staatsbürgerkunde nach. „Wenn ich reinkomme, steht ihr alle auf“, fordert sie. „Danach ruft ihr Freundschaft, sobald ich es getan habe. Sollte das nicht funktionieren, dann machen wir das noch einmal.“ Das habe irgendwann angefangen, auch die Schüler untereinander zu nerven. „Diese Art von gegenseitiger Erziehung war ein wichtiger Bestandteil des Systems.“

Das hat auch Monika Wedell erlebt. „Meine Eltern sind selbst aus der Sowjetunion geflohen und mein Großvater wurde erschossen“, sagt sie. „Deshalb ist das Thema durchaus beklemmend, aber es wird auch deutlich, dass man es sehr ernst behandeln muss.“

Zum Abschluss gibt Freya Klier den Anwesenden noch eine Warnung mit auf den Weg. „Im Namen der DDR kam das Wort Demokratie vor, Nordkorea bezeichnet sich auch als eine Demokratische Volksrepublik – da muss man sehr vorsichtig sein.“ Denn das einzige, was am Namen der DDR gestimmt habe, sei das Wort „Deutschland“ gewesen. Monika Wedell fügt hinzu: „Sie macht sehr deutlich, dass auch von links eine Gefahr herrscht und sorgt dafür, dass die Schüler so kurz vor den schriftlichen Abiturprüfungen dieses Thema ganz intensiv noch einmal beleuchten.“

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