Führung durchs Karl-Mayer-Haus

Einst der jüngste Babbscher im Land

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Peter Josef Lotz in seinem Element: Auch als Rentner lässt ihn die Feintäschnerei nicht los.

Obertshausen - Obertshausen war einst eine Feintäschnerhochburg. Und Peter Josef Lotz mittendrin. Der ehemals jüngste „Babbscher“ Deutschlands führt heute als Rentner durch die Feintäschner-Abteilung im Karl-Mayer-Haus. Von Axel Häsler 

„Das ist ein Gürtel aus echtem Krokodilleder. Den habe ich vor vielen Jahren einmal selbst gemacht.“ Das erzählt Peter Josef Lotz den Besuchern des Werkstatt-Museums Karl-Mayer-Haus. Wenn Lotz für den Heimat- und Geschichtsverein im Museum Dienst hat, dann auch inmitten seiner eigenen Geschichte. Zwei Räume des Museums beschäftigen sich mit der Arbeit der Feintäschner, die ihre Blütezeit lang hinter sich hat. Doch noch vor einigen Jahrzehnten gehörte Obertshausen genau wie Offenbach zum Zentrum der Lederwarenindustrie. Viele Familien verdienten ihren Unterhalt mit der Herstellung von Portemonnaies, Gürteln oder Handtaschen aus Leder.

So auch der 81-Jährige. Geboren in Offenbach und aufgewachsen in Obertshausen besuchte Peter Josef Lotz acht Jahre lang die Volksschule und machte dann seine Lehre zum Feintäschner bei der Obertshausener Firma Ohlig, wo er das Handwerk der Herstellung von Portemonnaies kennenlernte. In den folgenden zwei Jahren besuchte er an zwei Abenden pro Woche nach Arbeitsende die Werkkunstschule in Offenbach, wo er sich mit der Herstellung von Taschen weiterbildete und Design studierte. Lotz wechselte mehrfach den Arbeitgeber, um Erfahrungen zu sammeln und absolvierte schließlich im Jahr 1960 seine Meisterprüfung. Da war er 23 Jahre alt und damit damals jüngster Feintäschnermeister in Deutschland. Fortan widmete er seine Arbeit dem Entwerfen von Taschen und Portemonnaies sowie der Kalkulation der Herstellungskosten. Er stellte Papiermodelle her, von denen die Zuschneider die einzelnen Teile aus großen und manchmal nur aus kleinen Lederstücken herausschnitten. Diese setzten dann die Feintäschner zusammen, vernähten und verklebten sie. Im Volksmund benutzte man für das „Verkleben“ auch das Wort „Babbschen“. So wurden dann die Feintäschner auch gerne als „Babbscher“ bezeichnet.

Lotz war in seinem Arbeitsleben ständig auf Reisen. Neben Besuchen auf Modemessen in Frankreich und Italien fuhr er regelmäßig zu Versandhäusern wie Otto und Neckermann, von denen sein Arbeitgeber immer wieder neue Aufträge übernahm. So lernte er beim Otto-Versand in Hamburg Mitte der 60er-Jahre den damals noch jungen Wolfgang Joop kennen, mit dem er sich schnell angefreundet hat und stets guten Kontakt zu ihm pflegte. Auch nachdem Lotz mit 65 Jahren in Rente ging, war er noch lange nicht im Ruhestand. In den ersten Jahren als Rentner war er noch damit beschäftigt, neue Lederwaren zu designen und stand seinen jungen Kollegen mit Rat und Tat zur Seite.

Bilder: Kappenabend der "Elf Babbscher" 

Aktuell ist er aktiv im Heimat- und Geschichtsverein und kümmert sich im Werkstatt-Museum eben um seinen Fachbereich, das Feintäschnern. Die Besucher finden im Museum einen vollständig eingerichteten Arbeitsplatz und viele Ausstellungsstücke aus Leder der vergangenen Jahrzehnte. Auch diverse Lederarten sind dort ausgestellt. Neben Krokodilhäuten gibt es auch viele seltene Exponate wie etwa einen gegerbten Ochsenfrosch, dessen schwarzes Leder aufgespannt ist. Und an einer Wand hängt der Original-Meisterbrief von Peter Josef Lotz. Auf den blickt der 81-Jährige auch heute noch mit viel Stolz.

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