„Er hat auf mich gezielt“

Urteil im Prozess wegen versuchten Mordes könnte nächste Woche fallen

Dritter Verhandlungstag gegen einen Obertshausener um Waffengebrauch während einer Zwangsräumung.
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Dritter Verhandlungstag gegen einen Obertshausener um Waffengebrauch während einer Zwangsräumung.

In den dritten Verhandlungstag ging gestern der Prozess gegen einen Obertshausener um Waffengebrauch während einer Zwangsräumung (wir berichteten): Während der 68-jährige Angeklagte bei seiner Version bleibt, am Morgen des 14. Februar 2020 lediglich Warnschüsse abgegeben zu haben, schildern die beteiligten Personen des Räumungsteams gestern eine etwas andere Version.

Obertshausen – Für die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Darmstadt ist es ein weiterer wichtiger Beitrag, um die Anklage „versuchter Mord“ zu manifestieren. Zwei Personen waren bei der Aktion schwer verletzt worden. Erster Zeuge ist der Nachbar aus der Parterrewohnung, bei dem der Senior übernachtete. Der Angeklagte hatte es nach einem alkoholreichen Abend nicht mehr geschafft, die Treppen bis ins dritte Obergeschoss zu steigen. „Wir hatten einen gedudelt, so zwei bis drei Flaschen Wodka und eine halbe Kiste Bier. Sind erst weit nach Mitternacht eingeschlafen“, erklärt der 67-jährige Freund. Natürlich hätten sie auch über die Räumung am nächsten Tag geredet, seien aber zu keiner Lösung gekommen. Er hatte ihm sogar übergangsweise ein Zimmer angeboten. Die Antwort: „Ich will bei dir nicht einziehen, aus meiner Bude bringt mich keiner raus!“

Am Morgen habe er das Haus kurz zum Müll entsorgen und Zeitung holen verlassen: „Da stand der Möbelwagen schon da. Ich hab ihn dann geweckt.“ Als der Gerichtsvollzieher klingelte, hätten sie im Hausflur noch versucht, zu verhandeln. Erfolglos: „Mein Freund schubste mich zurück in die Wohnung, knallte die Tür zu und ich hörte nur noch bumm bumm.“ Der Zeuge beteuert, keine Ahnung von der Pistole gehabt zu haben. Er habe mit Waffen nichts am Hut. „Ich wusste nur, dass er Kontakt zu einer Zeitung aufgenommen hatte, um auf seine Situation aufmerksam zu machen. Von Warnschüssen hat er nichts gesagt!“

Der 53-jährige Gerichtsvollzieher aus Offenbach entkommt nur knapp dem Kugelhagel, als der Zahlungssäumige binnen Sekunden die Waffe aus der Jackentasche zieht, den Arm streckt und das Feuer eröffnet. „Ich hab direkt in die Pistolenmündung geguckt. Er hat auf mich gezielt. Ich hab mich reflexartig weggeduckt und bin mit dem angeschossenen Gläubigervertreter zur Haustür raus und hinter den Möbelwagen geflüchtet. Von dort habe ich den Notruf abgesetzt.“ Vier bis fünf Schüsse habe er gehört, kurze Zeit später nochmal zwei. Der Gerichtsvollzieher hat aus dem Vorfall gelernt: „Seit dem Schock bin ich vorsichtiger geworden. Bei jeder Räumung informiere ich nun die Polizei. Über den älteren Mann hatte ich mich natürlich im Vorfeld erkundigt. Aber gegen ihn lag nichts vor, deshalb sind wir ohne Sicherheitspersonal hin.“ Der Vorsitzende Richter Volker Wagner will es genau wissen. War das Räumungsteam wirklich völlig unvorbereitet, arg- und wehrlos? Der Zeuge bestätigt das: „Ja, mit gewalttätiger Gegenwehr haben wir absolut nicht gerechnet.“ Für Wagner eine Bestätigung des Mordmerkmals der Heimtücke. Er konfrontiert den Zeugen noch mitden Worten des Angeklagten: „Er behauptet, er habe niemanden verletzen wollen, nur Aufmerksamkeit erregen.“ – „Da fehlen mir die Worte. Er sollte wenigstens dazu stehen, was er getan hat.“

Ausgebremst wurde der Rentner schließlich durch einen der drei Speditionsmitarbeiter. Der junge Mann flüchtete nach den ersten Schüssen in die Wohnung des Angeklagten, der 68-Jährige folgte ihm, schloss die Tür auf und hob erneut den Arm zum Feuern. „Ich stand neben der Tür, er hielt die Pistole zufällig parallel zu meinem Kopf, ich habe seine Hand weggedrückt und es irgendwie geschafft, dass er zu Boden ging. Ein Schuss löste sich, traf aber niemanden. Ich hielt seine Hand solange fest, bis er die Waffe losließ“, berichtet der Zeuge. „Sie sind der Held in diesem Verfahren“, stellt der Richter fest. Das Urteil wird nächste Woche erwartet. (Von Silke Gelhausen)

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