„Kein Auskommen mit dem Einkommen“: Neues Stück des Atelier-Theaters überzeugt

Die etwas anderen Mietverhältnisse

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In seinem zehnten Jahr bringt das Atelier-Theater ein Stück von Fritz Wempner auf die Bühne. 

„Wo bleibt denn die Zeitung?“, fragt August. Heute steht nämlich die Anzeige der Bodendieks drin, die einen Teil ihrer Wohnung untervermieten wollen. 

Obertshausen – Die Idylle auf dem Balkon in der Eichenstraße 37 ist perfekt – bis die grantige Nachbarin von oben ihren Staubwedel in Frau-Holle-Manier ausschüttelt zumindest. Das ureigene Problem des Rentnerpaars August und Ida Bodendiek und der Titel des Theaterstücks aber lautet „Kein Auskommen mit dem Einkommen“.

Mit drei Aufführungen der Komödie von Fritz Wempner im Pfarrer-Schwahn-Haus bereitete sich das Atelier-Theater Obertshausen (ATO) selbst das größte Geschenk zum kleinen Jubiläum. Mit „Amaretto“ und „Angelino“ ist der „Familienbetrieb“ um den Obertshausener Kolping-Vorsitzenden Heinz-Jürgen Grab gestartet. Fans erinnern sich noch an die „Ballettratten“, den „Millionär“ und die „Nacht der Nächte“ mit der verhinderten Oscar-Verleihung.

Im zehnten Jahr brachte die Truppe ein Lustspiel mit all seinen Wirrungen und Geheimnissen auf die Bühne, die für den Zuschauer frühzeitig durchschaubar und daher so entspannend sind. Den Bodendieks fällt es zunächst schwer, ihr „bestes Zimmer herzugeben“. Doch, „der Staat ist wie ein Rabenvater“, die Rente zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Für August ist kein Glas Bier, keine Zigarre drin, es kommt nur Margarine aufs Brot.

Er möchte ja unbedingt an eine junge Dame vermieten. Aus Versehen wirft er einem Mädchen einen Blumentopf an den Kopf, das Fräulein ist Lisa Franzen und sofort seine bevorzugte Kandidatin für das Zimmer. August macht gleich Nägel mit Köpfen, während Ida dem jungen Klaus Jäger zusagt. Sein Vater will wieder heiraten, der Sohn kennt die künftige Stiefmutter gar nicht und will weg von daheim.

Es handelt sich um die Mutter von Lisa, die Privatsekretärin kennt aber ihrerseits die Jägers nicht. Sie benötigt die Unterkunft nur nachts, während der Fernfahrer unterwegs ist – darin liegt die Lösung für die Doppel-Vermietung. August und Ida streichen also zu Lisas 30 Mark noch 40 von Klaus ein. Das Auswechseln von Bettzeug und Zahnbürsten in der Frühe kann natürlich nicht lange gut gehen, Rasierpinsel und Parfümduft bleiben im Zimmer.

„Jetzt ist der in seine Schwester verschossen …“

Noch kann August den Mieter als Staubsauger-Vertreter ins Zimmer abschieben, als Lisa unvermittelt am Tag auftaucht. Doch auch die Mieterin hütet ein kleines Geheimnis – sie hat sich der Frau ihres Chefs als Ehefrau und Mutter vorgestellt, und so braucht der Single einen Mann fürs Betriebsfest. Klaus hätte die Mitbewohnerin am liebsten schon längst näher kennengelernt, sein Heiratsantrag lässt nicht lange auf sich warten ...

„Jetzt ist der in seine Schwester verschossen …“, schüttelt Ida den Kopf. Im zweiten Akt gewinnt das Stück kräftig an Fahrt. Die Hauptrollen füllen Oliver Bode und Sylvia Pieroth genüsslich aus, Tobias Kurz gefällt als freundlicher Mieter, Sabrina Grab-Achard schlüpft im Bewerbungsgespräch noch in die Rolle ihrer kontrollsüchtigen Chefin. Köstlich: der gierende Blick von Nachbarin Paula Sprott alias Gisela Reinschmidt aus dem zweiten Stock. Die Bühne ist in alle Dimensionen erweitert, setzt das Publikum sozusagen mitten in die Szenerie. Seriös und streng taucht Papa und Obstverkäufer Helmut Jäger (Joachim Rodenhauser) im Frack auf. Da gewinnt Mama Gerry Franzen (Kirsten Altmann) lächelnd mehr Sympathien. Auch Chefin Bollmann (Iris Grab) lässt sich erweichen, Friedrich Sprott (Heinz Hoos) findet in August einen Verbündeten gegen seine keifende Ehefrau.

Keine Frage, das ATO hat sich enorm gemausert, nicht nur seine praktisch und technisch aufgerüstete Bühne. Die Techniker Marc Oliver Reinschmidt, Jan Haller und Axel Grumbach haben sie von allen Seiten über Monitore und Laptops im Blick, spielen Licht und Töne ein, die Requisiteure Emma Grab und Eva Roth haben die Wohnung ganz im Stil der 50er- und 60er-Jahre ausgestattet.

Auch Souffleuse Karina Döbert-Haase blieb nicht arbeitslos. Doch das deutlich erweiterte Ensemble ist erwachsen geworden, überspielt verlorene Sätze oder Schuhe heiter und nahezu professionell – ein enormer Gewinn für die Kulturlandschaft der Stadt.

VON MICHAEL PROCHNOW

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