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Von Ortung und pikanten Fotos

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Gemeinsam informierten Volker Schleiffer (links) vom Betreiber einer großen Suchmaschine und IT-Rechtsanwalt Frank Stiegler, die Schüler der Georg-Kerschensteiner-Schule über das Thema Datenschutz im Netz.(c)Foto: Prochnow
Gemeinsam informierten Volker Schleiffer (links) vom Betreiber einer großen Suchmaschine und IT-Rechtsanwalt Frank Stiegler, die Schüler der Georg-Kerschensteiner-Schule über das Thema Datenschutz im Netz. © Prochnow

Obertshausen - Zwei Experten für Informationstechnologie und Recht im Internet haben gestern den Schülern der Georg-Kerschensteiner-Schule die Wege aufgezeigt, die persönliche Daten in sozialen Netzwerken durchlaufen. Von Michael Prochnow

Fachanwalt Frank Stiegler und Volker Schleiffer, Mitarbeiter eines Suchmaschinen-Betreibers, informierten die Jugendlichen. „Tinaaa, was kosten die Kondome?“ Die reiferen Internetnutzer kennen noch den Spot aus dem Fernsehen, der vor AIDS warnte. Witzig, aber für einen Kunden natürlich mega-peinlich, wenn die Kassiererin durch den Supermarkt plärrt und alle in der Schlange erfahren, was Ingolf Lück einkauft. Die beiden Referenten in der Aula der „Kerschensteiner“ regten mit der fast 30 Jahre alten Kampagne an zu überlegen, wer was über einen weiß.

„Für wen ist Datenschutz wichtig?“, provozieren die Gäste. Fast alle Hände im voll besetzten Saal werden in die Höhe gereckt. „Und für wen ist Datenschutz unwichtig, weil er ja gar nichts zu verbergen hat?“ Nur zwei einsame Arme sind zu sehen. „Das ist das dümmste Argument gegen Datenschutz“, bestätigt der Jurist die Mehrheit. Wenige Schüler haben jemals die Nutzungsbedingungen von Facebook, WhatsApp, Google und Co. jemals gelesen, höchstens überflogen.

„Datenschutz ist Informationsschutz“ wirbt der IT-Spezialist und erinnert an den Fall, als sich 21 000 junge Leute zum Geburtstag eines Mädchens eingeladen fühlten, das in Facebook versehentlich öffentlich zu ihrer Party aufgerufen hatte. Ein Einzelfall, geben die Experten zu. Wie auch der Angestellte, der Bilder von seinem Trip nach Mallorca hochgeladen hatte, obwohl er bei seinem Job krankgeschrieben war. Ein anderer kündigte an, ein Fußballspiel zu besuchen – währenddessen wurde seine Wohnung ausgeräumt.

Ein verbreitetes Problem sei dagegen, das pikante Fotos der „Ex“ auch nach der Trennung im Speicher des Handys bleiben und im Netz landen könnten, vielleicht um die Verflossene zu erpressen. In Zeiten, in denen wieder Rechte im Parlament säßen, erinnerte Stiegler, dass damals die „Juden-Kartei“ missbraucht wurde, um Bürger auszuschließen oder gar zu ermorden. US-Präsident Trump versuche heute, Angehörige des Islam herauszupicken.

Anno 2017 brauche es keine Listen mehr. Der Ortungsdienst im Handy verrate, wann und wie lange wir uns wo aufhalten. Das Tempo der Fortbewegung zeige, ob man zu Fuß unterwegs ist, per Rad, Auto oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Internet-Konzerne können verfolgen, ob jemand Schüler oder Lehrer ist, sogar welche Krankheiten jemand hat. „IPhone-Besitzer zahlen im Netz oft mehr“, weil die statistisch über ein höheres Einkommen verfügen.

„Kamera-Überwachung bewahrt nicht vor Kriminalität“, führten die Referenten an, „sie animiert höchstens Nachahmungstäter“. Und sie schade der Vielfalt einer Gesellschaft, weil sich die Menschen anders benehmen, wenn sie sich beobachtet fühlen, sich nicht geistig und sozial weiterentwickeln. Die Fähigkeit zur Innovation verkümmere.

Was genau die soziale Netzwerke über einen wissen, wussten letztlich auch die Experten in der Schule nicht. Offensichtlich ist nur, dass Facebook seinen Nutzern gezielte Werbung zeigt: Wer eben noch per Suchmaschine eine Kamera gesucht hat, bekommt beim nächsten Einloggen auf Facebook welche präsentiert. Und Cloudbetreiber sehen alle eingestellten Bilder und dürfen diese auch selbst verwenden.

Da hilft es auch wenig, dass Hessen 1970 das erste Datenschutzgesetz der Welt verabschiedet hat. Stiegler und Schleiffer rieten, sich alternative Messenger anzusehen, die Geschäftsbedienungen zu lesen, Passwörter nicht aufzuschreiben und am besten unpassende Wörter zu kombinieren.

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