Fahnden nach den Posthörnern

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Der Nachwuchs ist nur schwer für das Sammeln von Briefmarken zu begeistern.

Obertshausen ‐ Die Brille auf die Stirn geschoben, eine Pinzette mit einem unscheinbaren Papierschnipsel in der rechten Hand, die linke blättert in einem dicken Katalog: Briefmarken sind seine Leidenschaft. Von Michael Prochnow

Der Mann aus Niederbayern scheint zwischen Bücherstapeln zu versinken. Seinen Namen will er nicht preisgeben, zu oft bekomme seinesgleichen ungebetenen Besuch, sagt er. Rund 50 Gleichgesinnte treffen sich stets am Anfang eines Jahres zum Großtauschtag im Kleinkunstsaal des Bürgerhauses, die Arbeitsgemeinschaft Philatelie Obertshausen-Heusenstamm ist Gastgeber.

Sie feierte vor wenigen Wochen ihren 50. Geburtstag. Die Mitgliederzahl blieb in den vergangenen Jahren fast konstant, berichtet Günter Brosch. „Drei sind verstorben, zwei neue dazu gekommen“, erzählt der einstige Getränkehändler, der sein Amt seit zehn Jahren inne hat. Das Durchschnittsalter der Briefmarkenfreunde liege deutlich über 60, nur ein paar Mittdreißiger schönten die Statistik. Kinder seien durchaus für die „Aktien des kleinen Mannes“ zu begeistern, erzählt der Rentner, der sein Steckenpferd auch schon bei Ferienspielen vermittelt hat.

Schier grenzenlose Vielfalt

Dem Nachwuchs fehle jedoch die Muße für das zeitintensive Hobby - und die Lobby. Briefmarken-Sammeln ist halt nicht „in“! Die nächste Generation ist mit Ausbildung und Beruf beschäftigt, so dass viele prall gefüllte Alben in Kellern oder auf Speichern verstaubten. Dabei befänden sich in manchen Kollektionen beachtliche Werte, ist sich der Experte aus dem Bayerischen Wald sicher.

Keine Frage, die meisten Aktiven sammeln Postwertzeichen aus deutschen Landen. Eine schier grenzenlose Vielfalt eröffnet sich dem Kenner. Ungestempelte Marken sind wertvoller, Fehldrucke wahre Schätze! Der anonyme Bayer verrät geheimnisvoll, wie er in der Sammlung eines Kameraden einen misslungenen „Goethe“ entdeckt hat. Das Papierchen sei durch eine leichte Verfälschung der roten Farbe eine fünfstellige Euro-Summe wert, lehrt der Mann. Er selbst fahndet nach weiteren Posthörnern. Manche Marke mit dem Wahrzeichen aus jenen Zeiten, als die Post noch das Monopol hatte, ist heute mehr als 800 Euro wert, das gesamte Sortiment mehr als 3000.

AG-Chef Brosch hortet den ganzen Globus in ein paar Dutzend Plastikkästen. Aus allen Erdteilen hat er Marken eingeheimst und nach Ländern geordnet. Er bietet Büchlein zum Sonderpreis an, zum Beispiel eines, das 4000-mal den Reichstag für eine D-Mark zeigt. Solche Marken mit höheren Werten gab's bis vor zehn Jahren, informiert er, als auch Pakete noch mit Briefmarken frei gemacht wurden. Der Vorsitzende verfügt auch über eine stattliche Auswahl an Ansichtskarten von Hausen und Obertshausen, die stets neugierige Blicke auf sich zieht.

Am Sonntag, 20. Februar, steigt eine Vereinsauktion. Interessierte sind an jedem zweiten Sonntag eines Monats im Seniorentreff im Rathaus Beethovenstraße willkommen sowie an jedem vierten in der Eisenbahnstraße 11 in Heusenstamm.

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